K l ä n g e   d e r   U n e n d l i c h k e i t 

Eine Reise durch die Welt der Glocken

Einläuten

 

Die Geschichte der Glocke ist spannend wie ein Roman. Ihre Anfänge der Glocke dürfen wir in China vor 5.000 Jahren vermuten. Dort waren die Menschen -vor allem Konfuzius- der festen Überzeugung, dass alle Musik und der Glocke Klang, im Herzen der Menschen geboren werden. Und alles, was das Herz bewegt, das strömt in Tönen aus; und was  draußen als Ton erklingt, das beeinflusst wieder das Herz drinnen. Die Glocke ändert ihren Klang durch die Stimmung des Hörers und im Widerhall lässt sich das Erz durch unsere Gefühle "erweichen". Erst wir Hörende bringen den Glockenton zum Schwingen, erwecken zum "Leben".

Durch diese Philosophie des Hörens konnte die Glocke weit über das Begreifbare hinaus eine im tiefsten Sinne unbegreifliche Wirkungsgeschichte entfalten. Das Judentum und das Christliche Abendland haben den bunten Faden dieser "glöcklichen" Geschichte weitergesponnen und ganz neue Gedanken und durch die Höhe ihrer Kirchtürme bisher nicht gekannte Klangräume hinzugefügt. Wie schnell die Glocke im Alltag der Christen Aufnahme fand, das Leben mit ihren Klängen begleitete, war atemberaubend.

Die Glocke steht für die Anfänge des christlichen Abendlandes. Sie prägte die Alltagskultur der Menschen bereits seit dem frühen Mittelalter. Sie wählten sich ihre „Klangfarben“ aus und versuchten, ihr immer neue Aufgaben zu übertragen. Mit der Vielfalt ihrer Klänge begleitet sie bis in unsere Tage die bedeutungsvollen Stationen menschlichen Lebens. Sie war und ist noch immer unerbittliche Begleiterin der Weltgeschichte zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Krieg und Frieden. In ihrer fünftausendjährigen Geschichte war die Glocke auch Inspirationsquelle für Architektur und Handwerk, Literatur, Kunst und Musik. 

 

Das Lied von der Glocke

VIVOS VOCO
MORTUOS PLANGO
FULGURA FRANGO

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt. 
Heute muss die Glocke werden! 
Frisch, Gesellen, seid zur Hand! 
Von der Stirne heiß 
Rinnen muss der Schweiß, 
Soll das Werk den Meister loben; 
d
och der Segen kommt von oben.

Zum Werke, das wir ernst bereiten,
ge
ziemt sich wohl ein ernstes Wort; 
Wenn gute Reden sie begleiten, 
Dann fliegt die Arbeit munter fort. 
So lasst uns jetzt mit Fleiß betrachten, 
Was durch die schwache Kraft entspringt.
Den schlechten Mann muss man verachten,
der nie bedacht, was er vollbringt. 
Das ist’s ja, was den Menschen zieret, 
Und dazu ward ihm der Verstand, 
Dass er im innern Herzen spüret, 
Was er erschafft mit seiner Hand.

Was in des Dammes tiefer Grube 
Die Hand mit Feuers Hilfe baut, 
Hoch auf des Turmes Glockenstube, 
Da wird es von uns zeugen laut. 
Noch dauern wird’s in späten Tagen 
Und rühren vieler Menschen Ohr, 
Und wird mit den betrübten klangen  
U
nd stimmen zu der Andacht Chor. 

Und dies sei fortan ihr Beruf, 
Wozu der Meister sie erschuf: 
Hoch überm niedern Erdenleben 
Soll sie im blauen Himmelszelt, 
Die Nachbarin des Donners, schweben
Und grenzen an die Sternenwelt. 
Soll eine Stimme sein von oben, 
Wie der Gestirne helle Schar, 
Die ihren Schöpfer wandelnd loben 
Und führen das bekränzte Jahr. 

Nur ewigen und ernsten Dingen 
Sei ihr metallner Mund geweiht, 
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr’ im Fluge sie die Zeit. 
D
em Schicksal leihe sie die Zunge; 
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl, 
Begleite sie mit ihrem Schwunge 
Des Lebens wechselvolles Spiel. 
Und wie der Klang im Ohr vergehet, 
Der mächtig tönend ihr entschallt, 
So lehre sie, dass nichts bestehet, 
Dass alles Irdische verhallt.

Jetzo mit der Kraft des Stranges 
Wiegt die Glock’ mir aus der Gruft, 
Dass sie in das Reich des Klanges 
Steige, in die Himmelsluft! 
Ziehet, ziehet, hebt! 
Sie bewegt sich, schwebt. 
Freude dieser Stadt bedeute, 
Friede sei ihr erst Geläute.

Friedrich Schiller, im Jahre 1800 

... Noch dauern wird's in späten Tagen 
und rühren vieler Menschen Ohr

Als Schiller aus diesen Versen seine Glocke formte, als er mit einer Legierung aus Philosophie, Lebensweisheit und dahinfließender Lyrik seine Glocke goss, hatte dieser eherne Klang-körper schon 5000 Jahre Geschichte geschrieben und längst seinen Platz in unseren Glockentürmen, vor allem aber im Leben und in den Herzen der Menschen gefunden. Das klangvolle, nach „wahrer Harmonie" strebende und von Mystik umwobene Musikinstrument fand Eingang in alle Weltkulturen. Und überall dort begleitet sie „Selbst herzlos, ohne Mitgefühl, mit ihrem Schwunge des Lebens wechselvolles Spiel.“

Die Reise der Glocke begann wohl in China im dritten Jahrtausend v. Chr. in den unterschiedlichsten Kulturräumen mit ihren Dynastien, weiter über die Kulturen am Indus, Mesopotamien zu den fruchtbaren Flusstälern an Euphrat und Tigris. Die Straße der Glocke führt weiter über das Hochland von Armenien bis hin an die Ufer des Nil. Über die Länder der Bibel führt ihr Weg wieder nach Ägypten zu den koptischen Mönchsgemeinschaften und weiter über Nordafrika nach "Glocken-Europa", wie der bekannte Wiener Historiker Friedrich Heer die Gemeinschaft der abendländischen Völker nannte.

Die Kulturgeschichte der Menschheit ist ohne die Sehnsucht nach Höherem, nach Gott, nicht vorstellbar. Bei der Suche nach dem Sinn des Lebens, bei der Suche nach Göttlichem, ersann der menschliche Geist zahlreiche Symbole zum Ver-stehen, denen er, wie der Glocke, eine Vielfalt von sakralen und weltlichen Aufgaben übertrug.

Mit und in und in jedem neuen Kulturraum wandelten sich Gesellschaft, Religion und Glaube. In diesen Wandel waren Symbolik und Bedeutung der Glocke untrennbar verwoben. Sie war und ist über fünf Jahrtausende bis in unsere Tage verlässliche Begleiterin bei diesem Wandel. Entlang der weltumspannenden Glockenstraße sollte sie in jeder dieser Kulturlandschaften die geistige Verbindung zu Höherem, zum Unbegreiflichen, zu Gott herstellen.

Die Glocke läutete aber nicht nur himmelwärts. Machthaber bemächtigten sich über drei Jahrtausende ohne Ausnahme der Glocke um sie für ihre Dienste zu gebrauchen oder zu missbrauchen. Sie war Symbol der Macht ebenso wie der Ohnmacht. Sie begleitete uns Menschen bei unseren ersten Gehversuchen und auf dem letzten Weg. Sie lud die Menschen zum Fest und feierte mit ihnen.

Zum Läuten für den Frieden geweiht, ließ sie zur Kanone umgegossen, ihre todbringende Stimme auf den Schlacht-feldern rund um die Welt erklingen, vor allem aber bei uns in Europa. Musste sie schweigen, waren Friede, Freiheit, Menschenrechte und die Würde der Menschen bedroht, auch in unseren Tagen. Irdisches und Ewiges schwingt in der Vielfalt ihrer Klangfarben mit.

Ich darf Sie nun mitnehmen auf eine Reise durch die Welt der Glocken um am Rande der Glockenstraßen gemeinsam mit Ihnen ihrer spannenden Geschichte nachzuspüren.

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