K l ä n g e   d e r   U n e n d l i c h k e i t 

Eine Reise durch die Welt der Glocken

 

Die Glocke in der Literatur

 

Der Glöckner von Notre Dameim Original Notre Dame de Paris von Victor Hugo und Dorothy L. Sayers, Kriminalroman Der Glocken Schlag, im englischen Original, The nine Tailors, werden im Kapitel der Geschichte der Glocken angesprochen, weitere im Buch „Klänge der Unendlichkeit“ im jeweiligen geschichtlichen Zusammenhang.

Vier Beispiele unterschiedlichen oder gemischten Genres, Roman, Legende, Drama, Sage und Gedicht möchte ich gerne mit Ihnen gemeinsam betrachten.

 

Die Glocken von Bicêtre

Der Roman von Georges Simenon, hat auf den ersten Blick mit Glocken sehr wenig zu tun und Glocken kommen auch recht selten vor. Mitten aus einer Tischrunde im Pariser ›Grand Véfour‹ fällt ein Mann ins Koma und erwacht im Krankenhaus von Bicêtre.

Ein Schlaganfall hat den 54-jährigen Rene Maugras aus seinem Alltag gerissen. Seine Umgebung hält ihn für besinnungslos. Er aber hört die Gespräche an seinem Krankenbett. Er blickt -noch in der Vergangenheit gefangen- auf seine Erfolge als mächtiger Verleger zurück, aber auch auf Misserfolge und seinen Untergang als Mensch. Diese Erkenntnis öffnet ihm den Blick für den Sinn allen Lebens.  

 Faust, eine Tragödie

Wer die fast überirdischen Klänge einer Gloriosa im Erfurter Dom, der Sigesmund-Glocke im Wawel von Krakau, der oder der Hosanna im Freiburger Münster kennt, den kann es nicht wundern, dass Goethe den Mephisto und seinen Titelheld Faust  in ganz unterschiedlicher Weise mehrfach mit der Glocke konfrontiert. Für Mephisto ist sie das Ärgernis schlechthin, denn seinem Ohr kommt das Geklingel widrig vor 

Und das verfluchte Bim-Baum-Bimmel,
Umnebelnd heitern Abendhimmel,
Mischt sich in jegliches Begebnis,
Vom ersten Bad bis zum Begräbnis,
Als wäre zwischen Bim und Baum
Das Leben ein verschoUner Traum.

Der zweite Blick macht hellhörig. Das erste Signal, das Maugras aus den Tiefen seiner Seele im Krankenhaus vernimmt, ist der von Jugend an vertraute Klang von Glocken.

Als er aufwacht, verklingen die Glockentöne in weiter Ferne. Ungeduldig wartet er auf die Krankenschwester, die ihn mit einer Spritze wieder in sein Innerstes zurückkehren lässt. Das Beste seit er im Krankenhaus ist,

Faust befallen da ganz andere Gefühle. In seinem von Melancholie geprägten Dialog mit den Glocken stehen sich kindliche Erinnerungen und das Heute unversöhnlich gegenüber. Und Goethe lässt Faust philosophieren:

Was sucht ihr, mächtig und gelind,
Ihr Himmelstöne, mich am Staube?
Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube: .......

Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele,
Der Frühlingsfeier freies Glück;
Erinnrung hält mich nun mit kindlichem Gefühle
Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!

Am Ende des Dramas lässt sich der weltmännisch mächtige Faust von einem kleinen Glöckchen irritieren. Was hindert Faust daran, die beiden alten Menschen vom einzig ihm fehlenden Besitz zu vertreiben?

war das Aufwachen am Freitagmorgen, die halbe Stunde, die er alleine dem Klang der Glocken … gelauscht hat, die halbe Stunde, die alleine ihm gehört

Bewusstlosigkeit und Aufwachen, alles fortan Wesentliche, wird begleitet von verklingenden und läutenden Glocken, den von Kindheit an gekannten Tönen.

 

Papst Gregor der Große und   die Glocken von Rom

Die um 1400 verfassten „Gesta Romanorum“ beschreiben das Leben und den Einzug Papst Gregors des Großen in Rom. Schon bevor er die Stadt betrat,

läuten alle Glocken der Stadt von selbst. Die Bürger sagten: Gepriesen sei der Höchste, schon ist der gekommen, der Stellvertreter Christi sein wird. 

Diese Legende lesen wir bereits bei Hartmann von der Aue (1170–1220). Er entlieh diese Erzählung „Vie de Saint Grégoire“, einer legendären Lebensbeschreibung über Gregor den Großen, die um das Jahr 1150 entstand.

Einige Jahrhunderte später greift Thomas Mann dieses Thema mit leicht ironischem Unterton auf.  Seinem Roman „Der Erwählte“  beginnt mit dem Geläut aller Glocken der ewigen Stadt Rom, die niemand läutet und dennoch alle gemeinsam erklingen: 

Glockenschall, Glockenschwall supra urbem, über der ganzen Stadt, in ihrem von Klang überfüllten Lüften! Glocken, Glocken, sie schwingen schaukeln, wogen und wiegen ausholend an ihren Balken, in ihren Stühlen, hundertstimmig, in babylonischem  und Durcheinander.

 

Faust ahnt, dass ihr zurückgezogenes, friedvolles Leben einen Schutzherrn hat, von dem dieses kleine Glöckchen kündet. Und der allgewaltige und scheinbar allmächtige Faust stemmt sich gegen diese von Kindheit an vertrauten Töne:

Verdammtes Läuten! Allzu schändlich
Verwundets, wie ein tückischer Schuß;
Vor Augen ist mein Reich unendlich,
Im Rücken neckt mich der Verdruß,
Erinnert mich durch neidische Laute:
Mein Hochbesitz, er ist nicht rein,
Der Lindenraum, die braune Baute,
Das morsche Kirchlein ist nicht mein.

.......

So sind am härtsten wir gequält,
Im Reichtum fühlend, was uns fehlt.
Des Glöckchens Klang, der Linden Duft
Umfängt mich wie in Kirch und Gruft.
Des allgewaltigen Willens Kür
Bricht sich an diesem Sande hier.
Wie schaff ich mir es vom Gemütel
Das Glöcklein läutet, und ich wüte.

Wird man sagen, dass niemand sie läutet? – Nein, nur ein ungrammatischer Kopf ohne Logik wäre der Aussage fähig. „Es läuten die Glocken“, das meint: Sie werden geläutet, und seien die Stuben auch noch so leer. – Wer also läutet die Glocken Roms? –

Schwer und geschwind, brummend und bimmelnd – das ist nicht Zeitmaß noch Einklang, sie reden auf einmal und alle einander ins Wort, ins Wort auch sich selber, …....

Wer läutet die Glocken? Die Glöckner nicht. Die sind auf die Straße gelaufen wie alles Volk, da es so ungeheuerlich läutet. Überzeugt euch: Die Glockenstuben sind leer. Schlaff hängen die Seile, und dennoch wogen die Glocken, dröhnen die Klöppel. Wird man sagen, dass niemand sie läutet? – Nein, nur ein ungrammatischer Kopf ohne Logik wäre der Aussage fähig.

„Es läuten die Glocken“, das meint:

 

In Goethes Faust bedarf es keiner großen Glocke, wie in vielen Sagen und Legenden zu lesen, um den Teufel zu ärgern oder unter sich zu begraben. Ein kleines Glöckchen genügt, um dem heiteren Abendhimmel seine poetische Kraft zu nehmen. Faust lässt sich gar wutentbrannt in seinem Machthunger von ihm stören. Das Glöckchen in Goethes Faust läutet sehr dezent. Aber es läutet immer zu unpassender Zeit.

Irgendwie kommt mir das bekannt vor.

Sie werden geläutet, und seien die Stuben auch noch so leer. – Wer also läutet die Glocken Roms? –Der Geist der Erzählung. – Kann denn der überall sein … An hundert weihlichen Orten auf einmal? – Allerdings, das vermag er. Er ist luftig, körperlos, allgegenwärtig, nicht unterworfen dem Unterschiede von Hier und Dort. Er ist es, der spricht: „Alle Glocken läuten“, und folglich ist er’s, der sie läutet.

Glocken beginnen von alleine zu läuten. Ein Gedanke, der sich in Sagen und Legenden immer wiederfindet. Der Anlass ist einmalig, heilig – ohne Glockengeläut nicht denkbar.

Dabei ist es bedeutungslos, ob jemand am Seil zieht. Der Geist der Erzählung, der Genius des Augenblicks oder zuweilen ein Engel versetzt sie in Schwingung, bringt sie zum Klingen.

 

 

Der Glockenguss zu Breslau

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm präsentieren uns diese Sage mit unnachahmlich melodischer Erzählkunst.

Als die Glocke zu St. Maria Magdalena in Breslau gegossen werden sollte und alles dazu fast fertig war, ging der Gießer zuvor zum Essen, verbot aber dem Lehrjungen bei Leib und Leben, den Hahn am Schmelzkessel anzurühren. Der Lehrjunge aber war vorwitzig und neugierig, wie das glühende Metall doch aussehen möge, und wie er so den Kran bewegte und anregte, fuhr er ihm wider Willen ganz heraus, und das Metall rann und rann in die zubereitete Form.

Höchst bestürzt weiß sich der arme Junge gar nicht zu helfen, endlich wagt er’s doch und geht weinend in die Stube und bekennt seinem Meister, den er um Gottes willen um Verzeihung bittet. Der Meister aber wird vom Zorn ergriffen, zieht das Schwert und ersticht den Jungen auf der Stelle. Dann eilt er hinaus, will sehen, was noch vom Werk zu retten sei, und räumt nach der Verkühlung ab. Als er abgeräumt hatte, siehe, so war die ganze Glocke trefflich wohl ausgegossen und ohne Fehl. Voll Freude kehrte der Meister in die Stube zurück und sah nun erst, was für Übels er getan hatte. Der Lehrjunge war verblichen, der Meister wurde eingezogen und von den Richtern zum Schwert verurteilt.

 

 

  

 

Der Dichter Wilhelm Müller nutzte die Gedichtform zu seinem sehr erfolgreichen Versuch, den tragischen Glockenguss zu Breslau zu schildern. Die Marienglocke zu Breslau in der Stadt, ist besser unter dem Namen „Armesünderglocke“ oder auch Magdalenen-Glocke bekannt. Sie soll mit dem Ton a° eine der klangschönsten Glocken Schlesiens gewesen sein, sodass Wilhelm Müller reimen konnte:

Er hatte schon gegossen
Viel Glocken, gelb und weiß,
für Kirchen und Kapellen,
Zu Gottes Lob und Preis. 

Und seine Glocken klangen
So voll, so hell, so rein;
Er goß auch Lieb und Glauben
Mit in die Form hinein.

Doch aller Glocken Krone,
Die er gegossen hat,
Das ist die Sünderglocke
Zu Breslau in der Stadt.

Als der Meister zur Hinrichtung geführt wurde, läutet zur Erfüllung seines letzten Wunsches die Sünderglocke zu Breslau in der Stadt.

Und seine Blicke leuchten,
Als wären sie verklärt;
Er hat in ihrem Klange
wohl mehr als Klang gehört. 

 

Von der Sage zu den geschichtlichen Daten.

Die Marienglocke wurde im Jahre 1386 gegossen. Sie war sie mit 5.650 kg und einem Durchmesser von 2,06 m eine der größten Glocken Schlesiens. Als Inschrift war ihr eingegossen:

Maria ist der Name mein. Selic musen alle die seyn, die meinen lout hören. oder vernemen spate oder fru. die sprechen Gote dem hern czu. amen.

O Rex Glorie veni cum pace amen. Anno Domini MCCCLXXXVI fusa est haec campana in die Alexii.

O König der Herrlichkeit, komm mit Deinem Frieden, Amen. Im Jahre des Herrn 1386, am Tag des hl. Alexis -das wäre der 17. Juli- ist diese Glocke gegossen.

In mittelst war auch die Glocke aufgezogen worden, da bat der Glockengießer flehentlich: ob sie nicht noch geläutet werden dürfte, er möchte ihre Resonanz auch wohl hören, da er sie doch zugerichtet hätte, wenn er die Ehre vor seinem letzten Ende von den Herren haben könnte.

Die Obrigkeit ließ ihm willfahren, und seit der Zeit wird mit dieser Glocke allen armen Sündern, wenn sie vom Rathaus herunterkommen, geläutet.

Die Glocke ist so schwer, dass, wenn man fünfzig Schläge gezogen hat, die andere fünfzig von selbst gehet.

Am 17. Mai 1945, einem Donnerstag, stürzte die von Sagen umwobene Armesünderglocke beim Brand der Magdalenenkirche von den im Flammenmeer berstenden Türmen. Übrig blieben  einige Zentner unscheinbarer Schlacke und ein Klumpen lebloses Erz. Überlebt hat eine wunderbare Legende.

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