K l ä n g e   d e r   U n e n d l i c h k e i t 

Eine Reise durch die Welt der Glocken

 

Vom Land der Bibel nach Glocken-Europa

 

Der Wiener Historiker Friedrich Heer gab in seinen Schriften der Einheit abendländischer Völker den Namen „Glockeneuropa“. Er beschrieb damit jenen Teil Europas, in dem die Glocke mit ihrem Rhythmus die Zeit zum Gebet, zur Arbeit und zur Muße vorgab. Sie ordnete das Leben hinter den Klostermauern und in Stadt und Land.

Nach Glockeneuropa kamen die Glocken vom Land der Bibel.  Christlichen Schriftsteller wie Justinus und Origenes haben die Deutung der 12 Glöckchen aufgenommen, den Faden ihrer Kulturgeschichte weitergesponnen und ganz neue Gedanken hinzugefügt. Wie schnell die Glocke im Alltag der Christen Aufnahme fand, das Leben mit ihren Klängen und ihrem Rhythmus begleitete und prägte, war atemberaubend. Die Glocke steht für die Anfänge des christlichen Abendlandes.

 

Pachomius, zusammen mit dem hl. Antonius Urvater des Mönchtums, schreibt um 300 zur Bedeutung des Glockenläutens:

Ohne das klingende Zeichen, das den Rhythmus von Gebet, Arbeit und Muße vorgibt, verkommen die Menschen zu unmenschlichen, unkultivierten Wesen. 

Im oberägyptischen Esna und in der Kathedrale im nubischen Farâs, entdecken wir zwei mit Glöckchen behangene Kreuze.

Das Kreuz von Farâs gleicht einem Lebensbaum mit Jesus in der Mitte, dessen Botschaft die vier Evangelisten verkünden. Die Glöckchen-Girlanden um das Kreuz geflochten, sollten die Heilsbotschaft des Kreuzes zum Klingen bringen. 

Vom Süden Italiens machen wir eine weite Reise in den äußersten Nord-Westen Europas auf die Klosterinsel IONA. Dort lebte ein Mönch, Columban genannt. Um das Jahr 591 entsandte ihn sein Abt mit zwölf Gefährten, darunter auch einen Priester namens Gallus, auf das Festland. Im Gepäck hatten sie, wie alle irischen Mönche, Buch, Wanderstab und Glocke.

Auf ihrer Reise hatten Columban und seine Weggefährten zahlreiche Klöster in Frankreich, der Schweiz, Deutschland, Österreich und Italien gegründet, die Hochburgen von Bildung und Kultur wurden. Die geistige und Kulturelle Ausstrahlung die vor allem vom Kloster Luxeuil ausging, prägte das Christliche Abendland, prägte Europa. 

Robert Schuman, einer der Gründerväter der Europäischen Union, würdigte in einer Festansprache im Jahre 1950, den hl. Columban als den Inspirator des modernen Europa:

Der heilige Columban, dieser glanzvolle Ire, der sein Land ins freiwillige Exil verließ, schuf die Grundlagen für eine spirituelle Einheit zwischen den bedeutenden europäischen Ländern seiner Zeit. Er ist der Schutzheilige all derer, die ein Vereintes Europa aufbauen wollen.

So hat Columban, der so hochgepriesene Wegbereiter Europas, mit seiner vermutlich gerade mal 30 bis 40 cm hohen, mit Bronze über-zogenen Eisenblechglocke, die Anfänge Europas eingeläutet. Diesen Schutzheiligen könnte Europa in unseren Tagen gebrauchen, mehr denn je.

Der hl. Benedikt prägte das abendländische Mönchtum mit seiner Regel bis in unsere Zeit. Er hat das „signum dare“ das Zeichen geben aus der Regel des hl. Pachomius aufgenommen und den Mönchen und uns für alle Zeiten in sein „Buch geschrieben“. Als er noch in seiner Höhle im Tal von Subiaco, östlich von Rom lebte, war es bereits eine heilige Gewohnheit gottseliger Mönche, mit einer wohlklingenden Glocke, dem „signum“ zum Gebet zu rufen, wie Diakonus Ferrandus im Jahre 535 in einem Brief aus Chartago schreibt.

 

Eine dieser, aus Eisenblech geschmiedeten Glocken, die Bonifatius-Glocke, vor dem Jahre 800 auf  IONA geschmiedet, läutet noch heute im Ramsach-Kirchlein in Murnau am Staffelsee. Gemeinsam mit der ältesten läutenden Bronze-Glocke Europas aus dem Museum in Esztergom könnte sie ein Duo bilden, das die in dieser Zeit von unseren Glockentürmen zu hörenden Klänge sehr wirklichkeitsnah wiedergibt.

Zur Mitte des 11. Jh. werden die Glocken gewichtiger und hörbar klangvoller. Herausragendes Beispiel ist die vor wenigen Jahren restaurierte Lullusglocke in Bad Hersfeld. Nach über 100-jährigem Schweigen feierte sie vor wenigen Jahren eine feierliche Wiedergeburt.

Mit den Zuckerhutglocken des späten 12. und frühen 13. Jh. kommen hörbar fröhliche Klänge auf unsere Türme.

 

Beim Läuten der Mittagsglocke gedachten die Gläubigen der Menschwerdung Jesu. Dieses Mittagsläuten hatte die auffälligsten Züge eines Zeitläutens. Klangvolles Beispiel dafür ist die Hosanna des Freiburger Münsters, auch Spätzles-Glocke genannt. Die wohl älteste und schönste Angelus-Glocke Europas, 1258 gegossen, erinnert mit ihrem Läuten an das Gebet. Gleichzeitig signalisiert sie dem Bauern auf dem Feld, dass die Spätzle zum Mittagessen bereitet sind.

Für das Christentum ist sie gleichzeitig auch klangvolles Zeugnis der gerade aufkeimenden Marienverehrung zur Mitte des 13. Jh., wie aus ihrer in Bronze eingegossene Botschaft zu lesen:

O König der Herrlichkeit komme mit Frieden- Wenn mein Ruf erschallt, eile zu Hilfe Maria-.

Den bedeutendsten Beitrag zur Verbreitung des Gebetsläutens leistete Papst Sabinian, im Jahre 604 Nachfolger von Gregor dem Großen. Er nutzte seine kurze Amtszeit, die Gebetszeiten der Mönche, auf die Christenheit außerhalb der Klostermauern zu übertragen. Das Abendläuten sollte an das Leiden und Sterben Jesu erinnern. Im Abendgebet konnte der vergangene Tag betrachtet, aufgearbeitet und gleichzeitig zurückgelassen werden. 

Dem morgendlichen Läuten kam die größte Bedeutung zu. Die Gläubigen gedachten der Auferstehung Jesu am Ostermorgen. Die Glocke mahnte, aus dem Erwachen eine ganz persönliche Auferstehung werden zu lassen. Ihre Klänge sollten den Menschen Mut zurufen bei ihrer Suche nach dem rechten Weg durch den oft mühevollen Tag.

Mit dieser Vielfalt der Sinngebung für das tägliche Leben und Gebet fand die Glocke ihren Platz im Alltag der Menschen.


Mit den  verhallenden Klängen der Hosanna, erklimmen wir die Höhen mittelalterlicher Glockengießerkunst auf dem Domberg in Erfurt. Die Gloriosa, gegossen von Gert van Wou im Jahre 1497, ist die wohl schönste Glocke Europas. Mit ihren bewegenden Klängen hat sie Martin Luther bei seiner Priesterweihe im Erfurter Dom begleitet. Mit der Gloriosa war ein Höhepunkt der Glockengießkunst in Europa erreicht.

Den Gipfel ihrer todbringenden "Klänge" haben in dieser Zeit auch die aus eingeschmolzenen Glocken gegossenen Kanonen erreicht. Sie werden in den nächsten Jahrhunderten die Geschichte Europas und der Glocken nachhaltig beeinflussen und prägen. "Die Kanone sprach zur Glocke".

 

 Weiter zu: Zwischen Krieg und Frieden