K l ä n g e   d e r   U n e n d l i c h k e i t 

Eine Reise durch die Welt der Glocken

 

Kurt Kramer, geboren im Jahre 1943 in Karlsruhe, aufgewachsen im nordbadischen Langenbrücken, heute Bad Schönborn. Er studierte Architektur in Karlsruhe. Von Jugend auf interessierte er sich für Musik, die er -parallel zur Architektur- mit Gesang/Musikstudium weiter pflegte.

Er war vierzig Jahre Architekt und Glockensachverständiger im Erzbistum Freiburg.  Dreißig Jahre Mitglied und 10 Jahre Vorsitzender des Beratungsausschusses für das Deutsche Glockenwesen, einem Gremium der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz.

Die weltumflutenden Klangwellen der Glocken auf seinen zahllosen Reisen zu erforschen und ihren kulturgeschichtlichen Kosmos auszuleuchten, lag Kurt Kramer von Anbeginn seiner Tätigkeit als Glockensachverständiger und Autor sehr am Herzen. Auch für die Ansiedlung von Fledermäusen und Turmfalken und anderen seltenen Vogelarten auf den Glockentürmen, um Natur und Kultur in Einklang zu bringen.

Diese Vielfalt seiner Arbeiten ließen ihn in Medien und Fachwelt vom Glockensachverständigen zum "Glockenpapst" aufsteigen. Von seinen "Ehrentiteln" gefällt Kramer die Bezeichnung "Monsieur Bimbam" am besten. Kurt Kramer erforscht die Kulturgeschichte der Völker und welche Rolle dabei die Glocke in den unterschiedlichen Kulturlandschaften dieser Welt gespielt hat. Die künstlerisch gestalteten Glocken, die Glocke in Bildender und Gestaltender Kunst, in Musik und Literatur liegen ihm sehr am Herzen. Als Gast zahlreicher Fernseh- und Hörfunksendungen, in der ARD, darunter bei Frank Elstner, bei Planet Wissen, beim DLF, WDR, NDR, MDR, HR, BR, SWR und weiteren regionalen Fernseh- und Rundfunkanstalten, gelang es Kurt Kramer viele Menschen für sein Thema zu begeistern.

  

 

Kurt Kramer - Architektur, Gesang und Glockengeläut - Karlsruher Kinder erzählen

Ein literarisches Selbstportrait - aus: Hopfenduft und Butterbrezel, Doris Lott (HRSG.)

- Lindemanns Bibliothek - 

 

Mit einem kräftigen Schrei und herzerweichendem Seufzer, meldete ich mich, wie zwei meiner Geschwister zuvor und vier nach mir, in Badens Hauptstadt Karlsruhe erstmals zu Wort, wenn auch zunächst nur bei der Hebamme der ehemaligen Landesfrauenklinik.

Meine Jugend verbrachte ich dann in Langenbrücken, wo mein Vater 18 Jahre Bürgermeister war. Heute heißt der Ort Bad Schönborn. Mit meinen zwei „großen“ Brüdern, damals im Alter von wahrscheinlich drei, vier und fünf Jahren, watschelten wir zuweilen nackt an der B 3 entlang, pflückten am Straßenrand Butterblumen und winkten den Radlern und den damals noch wenigen vorbeifahrenden Autos zu. Die Freude war ganz offensichtlich auf beiden Seiten.

Mein Einfallsreichtum muss groß gewesen sein und auf den Mund gefallen war ich wohl auch nicht. Zwei Beispiele: Zur Schule muss ich recht oft zu spät gekommen sein. Jedenfalls rügte mich mein Lehrer, er hieß Kieser, an dessen Haus mein Schulweg vorbeiführte. Er drohte mir beim nächsten Zuspätkommen das so „beliebte“ Nachsitzen an. Am nächsten Tag kam ich, Sie ahnen es schon, wieder zu spät. Als ich am Wohnhaus meines Lehrers vorbei rannte, kam auch er zu spät aus seinem Haus. „Herr Lehrer, heute müssen wir aber alle zwei rennen“, soll ich, wie er mir später einmal erzählte, mit erhobener Stimme gesagt haben. Keiner von uns beiden musste nachsitzen.

Nach Mühlhausen bei Wiesloch, dem Heimatort meiner Mutter und Großeltern, kam in dieser Zeit ein sehr bekannter Pater zur Mission. Er war Dauerraucher und legte seine Zigarre nur vor dem Gottesdienst in einer Spalte der Kirchenmauer ab. Kaum lag die Zigarre des frommen Mannes in der Mauerfuge, schnappte ich nach ihr und zog kräftig daran. Der Pater, in Begleitung zweier hoher Geistlicher, drehte sich um, sah mich fassungslos mit der Zigarre im Mund, holte tief Luft und wollte gerade ... Ich bekam die Zigarre noch rechtzeitig aus dem Mund und fragte ihn, bevor er seine Sprache wieder gefunden hatte: „Bisch Du hier de Ewerschd?“

Mühlhausen sollte einige Jahre später in meinem Leben nochmal eine „bedeutende“ Rolle spielen. Es war Samstag, der 21. Mai 1955, der Tag des Pokalendspiels KSC gegen FC Schalke 04. Wir fuhren, wie so oft, mit der ganzen Familie zu Oma und Opa. Dort saßen wir „gemütlich“ bei Milch, Kaffee und Kuchen, nur ich nicht. Meine Oma fragte mich, warum ich heute so traurig sei. Mit der traurigsten Stimme und Mine, die ich gerade parat hatte, sagte ich: „Der KSC spielt heute im Pokal und das Spiel wird gerade im Radio übertragen“. Obwohl meine Oma nicht wusste, um was es eigentlich ging, wehrte sie all die Einsprüche meiner Eltern und Tanten ab. Mit unmissverständlicher Tonlage sagte sie: „Der Bu horcht des Schbiel.“ So durfte ich in die Küche und den 3:2-Sieg des KSC am Radio miterleben. Ja, so lange bin ich schon KSC-Fan, nicht immer schmerzfrei, aber noch immer.

Zum Unterricht im Schönborngymnasium in Bruchsal musste ich zwangsweise pünktlich sein. Der Zug wartete nicht, und eigentlich war die Fahrt mit den vielen Schülerinnen und Schülern auch recht unterhaltsam, jedenfalls unterhaltsamer als der Unterricht. „Si tacuisses, philosophus mansisses“ habe ich vom Lateinunterricht noch sehr gut in Erinnerung. „Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben“ – oder vielleicht ein guter Schüler. Dem Rat des Philosophen und Theologen Boethius möchte ich gerne folgen, und dieses Kapitel damit beenden.

Ich muss wohl um die zwölf Jahre alt gewesen sein, als das Gymnasium einen Wettbewerb für Schüler anbot. Für das Badische Staatstheater in Karlsruhe sollten wir ein Bühnenbild zum Märchen „Prinzessin auf der Erbse“ entwerfen. Ich war schon immer davon überzeugt, dass ich künstlerisch begabt sei. Mein Zeichenlehrer nicht. Mein Entwurf zum Bühnenbild fand dennoch seinen Weg ans Badische Staatstheater. Ich gewann einen Preis und war am Schluss des Märchens zum Festmahl eingeladen.

Die Bühne ließ mich nicht mehr los. Mit fünfzehn Jahren hatte ich meinen ersten Auftritt in einem Konzert, damals noch als Bassist. Von der Arie „In diesen heilgen Hallen“ waren nicht nur die Lokalpresse angetan, auch die zahlreich im Publikum sitzenden Omas waren entzückt. Aus den Tiefen der heilgen Hallen kletterte ich über das Baritonfach zu Tenoreshöhen empor. Mein Gesangsstudium führte mich zu Lizi Rottler und auf Empfehlung von Carl Kaufmann auch zu Kammersängerin Elisabeth Friedrich. In dieser Zeit ermöglichte mir der unvergessliche Inspizient Hans Rottler unterhaltsame Einblicke hinter die Kulissen des Badischen Staatstheaters. Dort war ich auch Dauergast in den „Studentenlogen“, wie wir unsere Stehplätze auf den Treppen nannten.

Meine Gesangskarriere hielt sich in Grenzen, aber ich wollte sie nicht missen. Vor allem bei zahlreichen Kirchenkonzerten sang ich die Tenorpartie gemeinsam mit prominenten Sängerinnen und Sängern, auch des Badischen Staatstheaters. Meine „Lieblingskonzertsäle“ in unserer Region waren die Kirchen von Ettlingen, St. Martin und Herz-Jesu, einige Kirchen in Karlsruhe und Rastatt, die Barockkirche in Ettlingenweier, die Jesuitenkirche in Heidelberg u.v.m.

Zwei Konzerte blieben mir nachhaltig in Erinnerung. Zunächst ein Weihnachtskonzert im Gefängnis von Bruchsal in den frühen 60er-Jahren. Schon beim langen Gang an den Gefängniszellen vorbei lief es mir eiskalt über den Rücken. Das wurde nicht besser, als ich erfuhr, wem ich beim Konzert begegnen sollte. Wir musizierten und sangen gemeinsam mit „prominenten“ Bewohnern Werke eines Bruchsaler Komponisten und Weihnachtslieder. Im Publikum saßen einige „Konzertbesucher“, von denen ich schon in der Zeitung gelesen hatte.

Die in virtuosem Barock gestaltete Schlosskirche von Ra­statt bot dazu eine kontrastreiche Kulisse. Sie war Wirkungsstätte des Komponisten Johann Caspar Ferdinand Fischer, seines Zeichens Hofkapellmeister am Hofe von Markgräfin Sibylla Augusta in Rastatt. Für eine gerade in Prag entdeckte Komposition wurde ich zur Uraufführung für eine der Solo-Tenorpartien engagiert. Gedruckte Noten gab es von dieser Messe allerdings noch nicht. So mussten wir von Kopien seiner Handschrift lesen und singen. Wenn ich dem Kritiker glauben darf, war es ein musikalisch hochstehendes, aufregendes Ereignis und für mich ein unvergessliches Konzert. 

Mit 20 Jahren hatte ich einen schweren Badeunfall, den ich mit viel Glück und Gottes Hilfe überlebte. Meinen 21. Geburtstag „feierte“ ich noch im Krankenhaus. Dieses Ereignis gab meinem Leben eine Wende. Ich ließ mein Elternhaus und meine Jugendzeit zurück, kehrte Langenbrücken den Rücken und kehrte zu meinen Anfängen in die Hauptstadt Badens zurück. Ich war endgültig in Karlsruhe angekommen.

In einem kleinen, zwölf Quadratmeter großen Zimmerchen in der Tullastraße musste ich mit Bett, Schrank, Waschkommode, Waschschüssel und dem Reißbrett den Platzteilen. Bei unvorsichtigem Öffnen der Zimmertüre von außen flog jeder Gast, aber zuweilen auch ich, ins Bett. In diesem Zimmer verbrachte ich – noch als Folge meines Unfalls – mehr Zeit als mir lieb war mit Studieren und Zeichnen.

Die Symbiose von Architektur und Musik gaben meinem Leben die entscheidende Wende. Als Architekt im Erzbischöflichen Bauamt Karlsruhe wurde ich gefragt, ob ich Glockensachverständiger werden wolle. Offensichtlich wusste man von meiner musikalischen Vorbildung. Ich war so überrascht von dieser Frage, dass mir „nie im Leben“ von den Lippen entglitt. Noch am gleichen Tag besann ich mich. Die Landesbibliothek Karlsruhe war gut sortiert und bot alles, was auch nur im Entferntesten mit Glocken zu tun hatte. Ich las mich, ohne dass ich es bemerkte, in eine Begeisterung hinein, die mich die Zeit vergessen ließ. Nach einigen Tagen des Lesens kam ich am Abend nach Hause. Meine Frau wusste sofort, dass mit mir irgendetwas passiert sein musste. Ich war fasziniert von der 5000-jährigen Geschichte der Glocke, die in China ihre Ursprünge hatte. Ich war überrascht, wie viele Maler, Bildhauer, Literaten, Musiker, Philosophen u. a. sich von der Glocke zu Meisterwerken anregen ließen. Was danach kam, ist weitgehend bekannt, wenn nicht, in der regionalen und überregionalen Presse nachzulesen.

Ein Höhepunkt sei dennoch erwähnt: die Europäischen Glockentage. Sie waren im Jahre 2004 das Großereignis der letzten Jahre in Karlsruhe. Eine große Zahl von prominenten Besuchern war gekommen. Die Bischöfe Robert Zollitsch, Oskar Saier, Klaus Engelhardt, Ulrich Fischer, Kultusministerin Annette Schavan, Innenminister Heribert Rech und die Karlsruher Bürgermeister, an ihrer Spitze Oberbürgermeister Heinz Fenrich, um nur einige zu nennen. Der Glockenguss bei Nacht auf dem Marktplatz durch die Glockengießerei Bachert bleibt unvergessen. Eigens aus Salem war Prinz Bernhard von Baden angereist. Im Gepäck brachte er eine wunderbare Glocke für die Glocken-Ausstellung mit, geschmückt mit Bronzereliefs von Joseph Anton Feuchtmayer, dem Bildhauer der Oberschwäbischen Barockstraße, u. a. der Klosterkirchen von Zwiefalten und Birnau.

Und dann traf bei mir ein Brief aus der ewigen Stadt Rom ein. „Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II. sendet den Teilnehmern an den Europäischen Glockentagen 2004 in Karlsruhe und Straßburg herzliche Segenswünsche.“ Über Radio Vatikan liefen diese Segenswünsche und auch ein Bericht über die Glockentage. Es war wohl der Höhepunkt meiner abwechslungs- und ereignisreichen beruflichen Laufbahn. Ohne den Traum jemals geträumt zu haben, hatte ich meinen Traumberuf gefunden.

 

 

Papst Franziskus 

hat Kurt Kramer mit dem Gregoriusorden für sein Lebenswerk zur Kultur- und Liturgie-Geschichte der Glocke ausgezeichnet. Erzbischof Stephan Burger überreichte den Orden am 18. Mai 2018 in Freiburg in einer Feierstunde im großen Sitzungssaal des Erzbischöflichen Ordinariats. Zur Begründung der Auszeichnung ist in der Pressemitteilung des Erzbischöflichen Ordinariats vom 18.05.2018 zu lesen.

 

 

Erzbischof Burger:

Kurt Kramer ist nicht umsonst, weit über die Bistumsgrenzen hinaus, ja sogar weltweit als ‚Glocken-Kramer‘, oder liebevoll als ‚Monsieur BimBam‘ oder sogar ‚Glockenpapst‘ bekannt“. Denn Kramer habe nicht nur eine Leidenschaft für Glocken, sondern auch einen umfangreichen Wissensschatz, wegen dem er als Experte hoch geschätzt werde. Erzbischof Stephan Burger dankte Kurt Kramer für seinen langjährigen, treuen und sachverständigen Dienst in der Diözese. Besonders erwähnte er die Sanierung des Glockenstuhles und die Reintegration der Hosanna-Glocke im Freiburger Münster: „Nach 150 Jahren konnten dadurch erstmals wieder alle 18 Glocken gemeinsam erklingen.“ Burger würdigte Kramers wissenschaftliche Aufarbeitung der Kulturgeschichte der Glocke, seine zahlreichen Veröffentlichungen, Vorträge und Höraufnahmen die einem breiten Publikum die kulturelle und religiöse Bedeutung der Glocke nähergebracht haben. „Anhand der Geschichte der Glocke haben Sie am Verkündigungsauftrag mitgewirkt und tun dies auch weiterhin. Denn die Geschichte der Glocke spiegelt auch die Geschichte des Christentums, seiner Ausbreitung und Kultur wider, wie Sie es selbst in Ihrem Buch ‚Klänge der Unendlichkeit‘ darlegen.“ So lasse sich eine Philosophie der Glocken heute am besten mit einem Kramer-Zitat darlegen: „Glocken geben dem Tag einen Rhythmus und läuten eine Unterbrechung des Alltags ein - Zeit zum Gebet, Zeit zum Innehalten, Zeit für Gedanken über den Sinn des Lebens. Ihr Klang verbindet Himmel und Erde“.  

https://www.ebfr.de/html/aktuell/aktuell_aktuell_u.html?&m=19718&artikel=95717&cataktuell=955

 

Die Theologische Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

verlieh Kurt Kramer in einer von den Freiburger Domchören unter Leitung von Prof. Boris Böhmann mitgestalteten Feierstunde am 30. Juni 2018 die Ehrendoktorwürde, Dr. h.cDie Urkunde überreichte Dekan Prof. Dr. Karlheinz Braun, die Laudatio hielt Prof. Dr. Helmut Hoping. In ihrer Begründung für die Verleihung der Ehrendoktorwürden scheibt die der Universität Freiburg in ihrer Pressemitteilung vom 02.07.2018:

Kurt Kramer, der „Glockenpapst“, gelte als einer der weltweit profiliertesten Glockenexperten. Seine Beschäftigung mit Glocken reiche von hoch differenzierten technischen Kenntnissen über künstlerische Zugangs- und Gestaltungsweisen bis hin zur wissenschaftlichen Reflexion und deren Vermittlung. Durch spektakuläre Glockengüsse wie 2008 auf dem Freiburger Münsterplatz, die Gestaltung europäischer Glockentage und konzertante Einsätze von Glocken auf einzelnen und mehreren Glockentürmen habe er die Bedeutung von Kirchenglocken einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Themenbreite seiner wissenschaftlichen Überlegungen reiche von der christlichen Liturgie über den Einsatz von Glocken in klassischer Musik oder bei der Band Pink Floyd bis hin zum Ursprungsland China.

http://www.pr.uni-freiburg.de/pm/personalia/theologische-fakultaet-verleiht-hohe-auszeichnungen