K l ä n g e   d e r   U n e n d l i c h k e i t 

Eine Reise durch die Welt der Glocken

 

 Die Glocke - Satire, Ironie und Karikatur

 

Nicht erst seit Goethe und Schiller nimmt die Glocke in unserer Alltagssprache mehr Raum ein, als uns bewusst ist. So ganz nebenbei hängen wir manches an die große Glocke oder haben wir nicht schon lange irgend etwas läuten hören. Wer von uns lauscht nicht gerne einer glockenreinen Stimme. 

Von unseren Parteien  wird der Wahlkampf natürlich eingeläutet und so mancher Staatsmann würde gerne eine neue Ära des Friedens einläuten. Und welchem Politiker oder welcher Partei hat nicht schon der Klang des Toten-Glöckchens als Begleitmusik im Ohr gedröhnt. 

Abraham a Santa Clara, in Krenheinstetten bei Messkirch geboren, war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Wien ein einflussreicher Hofprediger. Frauen konnte der katholische Geistliche wohl nicht leiden. So erzählt er uns von

bösen, zänkischen, unruhigen, greinerischen Weibern, die Glocken gleichen und die auch zum Öftern ohne einige Ursach anfangen zu klingen, O Gott! Wie hart ein solcher Ketten-Hund! wie ungestümm eine solche Haus-Posaune! … wie verdrießlich eine solche Feuer-Glocke! wie schmerzlich eine solche Ehe-Geisel.

In letzter Zeit begannen bei einigen Banken und Konzernen die Alarmglocken zu läuten, und ein Fernsehkommentator stellte fest, dass Börse, Finanzmarkt und Wirtschaft noch immer nicht begriffen hätten, welche Stunde die Glocke geschlagen habe.

Jean-Baptiste Thiers, bekannter französischer Historiker in der zweiten Hälfte des 17. Jh. Jahrhunderts, lästert über Glockenliebhaber. Mit verächtlichem Unterton nennt er auch die Länder, in denen solches Unwesen "ausschweifend" betrieben wird. 

Die gemeinsten Leute waren jene, die mehr als alles andere ihre Glocken und den Klang der Glocken verehrten. Bauern und Leute niederen Standes, die Kinder, die Narren, die Tauben und Stummen.

Und Thiers fügt süffisant hinzu:

Deutsche und Flamländer haben die dicksten und größten Glocken.

Dass einige Glocken in Frankreich zu den größten und schönsten in Europa zählen, verschwieg er geflissentlich.

 

Es erfreut der Pastor von Bingen

die Gemeinde mit luftigen Sprüngen,

und zwar ziemlich barocken,

beim Klang einer Glocken,

der rüstige Pastor von Bingen.

 

Hans Magnus Enzensberger

Max Frisch schimpft in seinem Roman „Stiller“ nicht selbst über die Glocken. Er überlässt diesen Part einem Häftling im Dialog mit seinem amtlichen Verteidiger.

Das Geläute des Münsters ist ein metallisches Dröhnen, das zweimal täglich losbricht, mindestens zweimal, wenn nicht Hochzeiten und Begräbnisse hinzukommen, ein Lärm,  ein Zittern der Luft, ein klangloses Beben, … es macht mich taub, schwindlig, idiotisch.

Sein Anwalt versucht ihn mit süffisant sarkastischer Juristenlogik, aber letztlich vergeblich, zu beschwichtigen.

Was das Geläute vom Münster betrifft – es ist sehr laut, ich gebe es zu; aber was erwarten Sie denn von mir! Ich kann doch das Münster nicht anderswohin stellen.

Heinrich II. erließ im Jahre 1550 eine Steuer auf alle Kirchenglocken Frankreichs. Diese Steuer benötigte der König vor allem um den Luxus seiner Mätresse Diane von Portiers auf Schloss Chenonceau an der Loire finanzieren zu können. Der Dichter Francoise Rabelais, ehemals Franziskanermönch, kommentierte dies auf seine ganz unverwechselbar Art:

König Heinrich hat es gefallen, alle Glocken unseres stolzen Königreiches Frankreich seiner Stute um den Hals zuhängen.

Das ist die hoffähige Version. In satirischen Kommentaren hat es dem König gefallen, alle Glocken Frankreichs einer einzigen Kuh um den Hals zu hängen.



 

 Wenn im Turm die Glocken läuten,

kann das vielerlei bedeuten.

Erstens, dass ein Festtag ist.

Dann dass Du geboren bist.

Drittens, dass dich jemand liebt.

Viertens, dass dich's nicht mehr gibt.

Kurz und gut, das Glockenläuten

Hat nur wenig zu bedeuten.

 

Erich Kästner

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