K l ä n g e   d e r   U n e n d l i c h k e i t 

Eine Reise durch die Welt der Glocken

 

Läutebräuche und Läutesitten in Europa

 

Beiern, Escillon, Tessiner Glockenläuten

Das Läuten der Glocken ist über Jahrhunderte hinweg -bis in unsere Tage- Teil der Landeskultur in Deutschland und Europa und das akustische Zeichen der christlichen Kirchen.

Aus den Anfängen der Glocke haben sich, wie in Sprache und Dialekt, Kulturkreis, Region,  und Mentalität der unterschiedlichen Volksgruppen mannigfache Bräuche und Läutesitten heraus gebildet. In weiten Bereichen Zentraleuropas ist das frei schwingende Glockenläuten nach einer vorgegebenen Läuteordnung beheimatet.

Das Beiern entspricht in weiten Teilen dem russischen Glockenschlagen , wobei der  ein am Klöppel festgebundenes Seil an den inneren Glockenrand gezogen wird. Je nach Anschlagshärte erklingen unterschiedliche Klangfarben. Im Unterschied zum russischen Glockenschlagen werden die Glocken beim Beiern frei schwingend aufgehängt und in der Regel auch so geläutet.

Nur von Zeit zu Zeit, zu besonderen Anlässen und an besonderen Festen, bringt man die Seilzüge zum Beiern an den Klöppeln an.

Durch diese Läutesitten und die liturgische Vielfalt des Läutens, erhalten Glocken eine weitere Dimension ihrer Klang-Sprache.

Vor allem im Rheinland und in weiten Teilen Norddeutschlands war das „Beiern“ verbreitet.  Dort ist es seit dem 15. Jh. nachzuweisen. Heute wird das Brauchtum des Beierns wieder mehr und mehr gepflegt, vor allem zu besonderen Anlässen wie Neujahr, Jubiläen und Festen wie Weihnacht, Ostern oder Kirchweih.

Läutebräuche wie im Rheinland finden wir u.A. auch im Tessin, Südfrankreich und in Spanien. Auf die besonderen Läutesitten in England und Russland werde ich noch ausführlicher eingehen.

Diese Läutebräuche zu pflegen und damit zu erhalten ist Aufgabe der Menschen jeder Kulturlandschaft. Einheit in Vielfalt macht nicht nur die Sprache der Glocken interessant und hält sie lebendig.

Das liturgische Läuten, so nennen wir das Läuten zum Gottesdienst und Gebet, soll mit dem Glockenklang und mit variablen Tonfolgen der Glocken, die Stimmung des jeweiligen Festes widerspiegeln.

Die Weihnacht erweckt andere Stimmungsbilder als Ostern, die Trauer, Freude, Advent oder die Fastenzeit. Diese Stimmung soll in den unterschiedlichen Motiven –das sind die Tonfolgen- des Geläuts ihren Ausdruck finden, damit die Menschen die Sprache der Glocken verstehen.



  

 

Das Change-Ringing auf den Britischen Inseln

Die Anfänge des Change Ringing, des Wechsel- oder Variationsläutens, gehen wohl auf König Heinrich III. im frühen 13. Jh. zurück. Die Westminster-Gilde in London z. B. wurde bereits im Jahre 1254 von Heinrich III. anerkannt. Diese Läutesitte ist -mit wenigen Ausnahmen- auf den Britischen Inseln beheimatet. 

Dorothy Sayers sollten wir für ihren Krimi „Der Glocken Schlag“, im Original „The Nine Tailors“ dankbar sein. Sie schaffte es, selbst in unserem kurzen Ausschnitt ihres spannenden und  humorvollen riminalromans, wenigstens einige Stufen der Erkenntnis zum Olymp des Change-Ringing emporsteigen zu lassen.

Die Glocken werden beim Change-Ringing durch einseitiges Anziehen eines Läuteseils eingeschwungen, bis sie auf dem Kopf stehen und Klöppel und Glockenmund zur Decke zeigen. Eine besondere Vorrichtung hält die Glocke in dieser Stellung. Nun werden die Glocken in einem bestimmten Wechsel, d. h. in einer bestimmten Reihenfolge gezogen.

Haben Sie denn auch eine gute Glöckner-Mannschaft erkundigte sich Sir Wimsey. Oh ja, sagte der Pfarrer mit stolz, großartige Burschen. In dieser Nacht gedenken wir das neue Jahr mit fünfzehntausend und achthundertvierzig Wechseln Kent Treble Bob Major einzuläuten. Allmächtiger, mit fünfzehntausend, rief Wimsey und achthundertvierzig, vollendete der Pfarrer.

Wimsey dachte nach. Das gibt etliche Stunden Arbeit. Neun, belehrte ihn der Pfarrer, … der nie jemanden einen Satz zu Ende reden ließ. Alle Achtung, sagte Wimsey und schüttelte ungläubig den Kopf.

Etwas Schöneres als Kent Treble Bob Major gibt es einfach nicht schwärmte der Pfarrer Pfarrer und entschwebte selig in die Höhen des Glockenturms und bemerkte nicht, dass ihm die Butter seins Hefeküchleins über die Ärmel seines Talars lief.

Bei jedem Mal mit einer ganzen Umdrehung um die eigene Achse, mit allen möglichen Variationen in der Reihenfolge der Glocken und Töne. Weil dieses Läuten nicht gerade leicht und bisweilen sehr gefährlich ist -ich vermute es ist wohl so eine Art von Nationalsport- gibt es seit dem Mittelalter die Läutegilden der Change-Ringers mit strengen Aufnahmebedingungen und ausgiebigen Läute- Prüfungen.

Das heute übliche Change-Ringing kam erst Anfang des 17. Jh. auf. Seit dieser Zeit stehen die Läutegilden im Wettbewerb um die meisten „Wechsel“, den mit diesem Geläut möglichen Variationen der Tonfolgen. 

 

 

 

Zu tiefem Verständnis dieses Change-Ringing könnte uns auch Georg Friedrich Händel mit einer musikalischen Inszenierung verhelfen, die  er zur Krönung von King George II. im Jahre 1727 schrieb. Bei dieser feierlich bombastisch komponierten Festmusik durften natürlich einige Passagen mit Change-Ringing-Geläut begleitet von Trompeten und den Jubelrufen "Good save King George", nicht fehlen.

Doch ich muss gestehen, es bleibt dabei. Je mehr ich -ein Festlandeuropäer- mich in diese Art zu läuten vertiefe, desto mehr verschließen sich mir die tiefsten Geheimnisse  dieses Wechselläutens.

 

 

Das Glockenschlagen der Orthodoxen Kirche

In Russland werden Glocken erstmals um das Jahr 1000 erwähnt. Glockenfunde in der Nähe von Kiew bestätigen dies. In der Region von Nowgorod entwickelte sich dann seit dem frühen 14. Jahrhundert, wie auch in anderen Sparten der altrussischen Kunst, eine ganz eigenständige nationale Form des russischen Glockengeläuts.

In Nowgorod entstanden in dieser Zeit die ersten Glockengießereien und Gießschulen. Die Glockengießer zählten zu den hoch angesehenen Berufen, Als Blütezeit der russischen Glockengießkunst dürfen wir das 16. bis 19. Jh. annehmen.

Viele Reiseberichte dieser Zeit erwähnen das beeindruckende oder oft seltsam empfundene Glockenschlagen.

 

Den bekanntesten Bericht über Läuteordnung und Läutetechnik schrieb Adam Olarius im Jahre 1656. Er berichtet von großen Läutemannschaften und bebildert seine Erzählung mit lehrreichen Illustrationen.

Beim russischen Dichter Michail Lermontov verschmelzen die Monumentalarchitektur und die klangvollen Stimmen der mächtigen Glocken zu einem stimmungsvollen Klang-Bild, zur Klangsilhouette von Moskau:

Wie der Ozean hat auch Moskau seine eigene Sprache, eine starke, klangvolle, heilige Sprache, die Sprache des Gebets! … Kaum erwacht der Tag, da ertönt schon von allen seinen goldbehelmten Kirchtürmen die harmonische Hymne der Glocken, gleich mit einer herrlichen, fantastischen Ouvertüre von Beethoven, in der das tiefe Brummen des Kontrabasses, das Dröhnen der Pauke und das Jubilieren von Geige und Flöte ein einziges großes Ganzes bilden – und es hat den Anschein, als nähmen die körperlosen Laute sichtbare Gestalt an, als vereinten sich die Geister des Himmels und der Hölle unter den Wolken zu einem mannigfaltigen, unermesslichen, sich schnell drehenden Reigen! Oh, welche Wonne, dieser überirdischen Musik zu lauschen.

Die Art, Glocken zu läuten, wurde immer vielfältiger und so entstanden in Nowgorod auch die ersten Kirchenordnungen, die Tonfolgen für bestimmte Tages- und Jahreszeiten vorschrieben. Nowgorod wird zur Schule des russischen Glockenschlagens. Deshalb kennt die russische Sprache auch nicht das Wort „Glockenläuten“, stattdessen finden wir Ausdrücke wie: Man schlägt in die Glocke oder Man läutet in die Glocke. Dabei wird ein Seil oder Strick am Klöppelende befestigt und der Klöppel damit an den Schlagring der Glocke gezogen.

In der orthodoxen Kirche des Ostens ist der Kolokolist, der Glockenspieler, bis heute ein Musiker, der mit seinem Glockenorchester Glockenmusik aufführt, der sein „Orchester“ dirigiert und meist dafür auch noch komponiert.

Überschwänglich- dramatisch, wie es nur die russische Dichtung vermag, beschreibt Anastasija Cvetaeva den am Anfang des letzten Jahrhunderts lebenden Kotik, den Quasimodo der russischen Glöckner:

Berauscht von dem Glück, sein Glocken-Orchester zu hören, wirft sich Kotik mit dem ganzen Körper zurück, und bei der ersten vielstimmigen Antwort auf die Bewegung seiner lebendig gewordenen Hände erneut, soweit es die Stricke erlauben, zurückprallend, wird er eins mit den Glocken, in eins zusammengegossen, eingegossen in ihre anschwellenden hellen Stimmen, mit ihnen zusammen entbrennt er im Feuer jubelnder Klänge.  

 

Die Architektur reagierte schnell auf die rasante Entwicklung der Glockenmusik. Hingen die Glocken zunächst noch an Decken oder Holzgerüsten, so baute man infolge des zunehmenden Glockenbooms für sie eigene Glockentürme oder Glockenwände. Diese neuen Architekturelemente sollten über Jahrhunderte hinweg prägend für die gesamte russisch-orthodoxe Sakralarchitektur, eigentlich für das gesamte Spektrum der Monumentalarchitektur werden.

Die russischen Glöckner verstanden das Glocken-Schlagen als hohe Kunst und heiligen Dienst, wie von Smagin, einem berühmten Glöckner des 19. Jahrhunderts berichtet, wird.

 

Er habe vor Beginn  des Glockenschlagens seine Mütze abgenommen, sich bekreuzigt und erst nach einigen Anschlägen die Kopfbedeckung wieder aufgesetzt. Er war der festen Überzeugung, je inniger und harmonischer er seine Glocken schlage, desto mehr Menschen kämen zu den Gottesdiensten.

„Wird mich erst der Rechte läuten …….“ 

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