K l ä n g e   d e r   U n e n d l i c h k e i t 

Eine Reise durch die Welt der Glocken

 

 

Die Glocke zwischen Krieg und Frieden

 

 Die Kanone sprach zur Glocke

Lange Zeit vor Erfindung des Pulvers und lange Zeit, bevor Glockengießer mit dem Guss von Kanonen mehr Geld verdienen konnten als mit Glocken, finden wir Hinweise auf unterschiedlichste Glockenschicksale in Kriegen. Im Jahre 615, bei der Belagerung von Sens durch den Frankenkönig Chlothar II., ließ Bischof Lupus in der Stephanskirche alle Glocken läuten. Für die kriegstüchtigen Männer war es das Zeichen zur Sammlung und zum Aufbruch. Für die zu Hause Wartenden war es das Zeichen zum Gebet. Der Feind soll beim Klang der Glocken so erschrocken sein, dass er die Flucht ergriff.

Über sechs Jahrhunderte später berichtet der florentinische Geschichtsschreiber Villani in einer Zusammenfassung unterschiedlicher zeitgenössischer Schilderungen von der Belagerung der toskanischen Stadt Siena im Jahre 1260. Danach führte das Heer der Florentiner auf dem Carroccio, einem aus Holzbalken gezimmerten Staatsstreitwagen, eine Glocke mit, die sie „Martinella“ nannten. Diese Glocke musste nach altem Brauch vor Beginn eines jeden kriegerischen Feldzugs von Ponte Santa Maria vier Wochen lang bei Tag und Nacht geläutet werden.

 

Ein schlechtes Gewissen hatten auch später noch andere Herrscher und ließen aus eroberten Kanonen wieder Glocken gießen.

So gab Kaiser Joseph I., von Österreich den Auftrag, aus erbeuteten Kanonen eine große Glocke zu gießen zu lassen,

damit der mächtige Schall die Völker antreibe, mit ihr dem Allmächtigen für so viele und so herrliche Siege zu danken.

Unter großer Anteilnahme der Wiener Bevölkerung wurde dieses prachtvolle Meisterwerk der Glockengießerkunst am 21. Juli 1711 gegossen.

 

Mit der Entwicklung der Kanone in Europa an der Wende des 13. zum 14. Jh. beginnt für die Glocke nun eine neue, von Zwiespalt geprägte Epoche, die Zeit ihrer Metamorphose. Zum Läuten für den heiligen Dienst, als Aufruf zum Gebet und eindringliche Mahnerin für den Frieden geweiht, ließ sie, zur Kanone umgegossen, ihre todbringende Stimme auf den Schlachtfeldern Europas „erklingen“. Wahrlich zwei ungleiche, wenn auch auf tragische Weise ineinander verschmolzene Schwestern, wie sie der Dichter Christian Morgenstern in seinem Gedicht „Die Schwestern“ nahe zusammenrücken lässt:

Die Kanone sprach zur Glocke: „Immer locke, immer locke! Hast dein Reich, wo ich es habe, Hart am Leben, hart am Grabe. Heute sind sie dein und beten, morgen sind sie mein und – töten.

Als Karl VI. nach seiner Kaiserkrönung im Januar 1712 feierlich in Wien einzog, läutete  die Pummerin mit ihren 18.317 kg zum ersten Mal und musste dazu ihren 813 kg schweren Klöppel an den Schlagring der Glocke bewegen.  

 

Nach und nach wuchs bei den Kriegsherren die Überzeugung, dass es wohl „sinnvoller“ sei,  aus der wertvollen Bronze der Glocken Kanonen zu gießen, statt mit dem Schall der Glocken den Feind zu erschrecken.

Den frühesten Hinweis für diese Verwandlung zur Kanone finden wir bei Kurfürst Friedrich I. von Brandenburg (1415–1440).

Zar Peter der Große von Russland ließ erstmals alle Glocken des von ihm regierten Landes systematisch zu Kriegszwecken erfassen und im Jahr 1700 für den Nordischen Krieg zu Kanonen umgießen.

In den vorangegangenen Jahrhunderten waren dafür „sinnvollerweise“ in erster Linie die erbeuteten Glocken des Feindes vorgesehen. Bei der Vielzahl von ehernen Stimmen in Türmen und Glockenwänden Russlands dürften es kaum weniger als 100.000 Glocken gewesen sein, die, statt Frieden zu künden, nun Tod und Unheil brachten.

Zur Finanzierung seines Krieges gegen den märkischen Adel ließ er in Berlin alle Glocken der Marienkirche beschlagnahmen. Seine Soldaten demontierten sie in den Glockentürmen und brachten sie zu Glockengießern, die sie einschmolzen und zu Kanonen umgegossen. Geplagt vom schlechten Gewissen, beauftragte er auf dem Sterbebett seine Söhne, die Glocken der Marienkirche neu gießen zu lassen.


 

 

Die Französische Revolution und Napoleon

 

Von Moskau geht unsere Glocken-Reise wieder gen Westen und treffen im Sommer des Jahres 1797 Friedrich Schiller in seinem Jenaer Gartenhäuschen. Dort ließ er sich des Öfteren von der Muse küssen und schrieb an Goethe:

Ich bin jetzt an mein Glockengießerlied gegangen und studire seit gestern in Krünitz Encyklopädie. Dieses Gedicht liegt mir sehr am Herzen. Und Goethe antwortet: Ich freue mich wenn Sie noch für diesen Almanach mit der Glocke zu Stande kommen! Denn dieses Gedicht wird eins der vornehmsten und besonderen Zierden sein. Erst zwei Jahre später kann Schiller hörbar erleichtert über die Vollendung seiner Glocke berichten.

 

Im Mittelpunkt steht der Glockengießer. Er erklärt den Gesellen das Glockenformen und damit auch uns. Das Werden der Glocke, zu dem sich "ein ernstes Wort" geziemt, regt den Meister

Die Emmanuele wurde noch gebraucht. Sie läutete, als man König Ludwig den XVI. zum Schafott führte. Die Freude der Revolutionäre war kurz. Sie läutete auch bei deren Hinrichtung, auch für Napoleon, als er sich zum Kaiser krönen ließ.

Napoleon war ein glühender Verehrer von Glocken. Er schreibt:

Der Klang des Angelusläutens fehlt mir auf Sankt Helena und ich kann mich nicht daran gewöhnen, es nicht mehr zu hören. Niemals drang der Klang der Glocken an mein Ohr, ohne dass die Gedanken zu den Erlebnissen meiner Kindheit zurückwanderten. 

zu immer neuen Betrachtungen an. Und wenn das Leben sich ausweglosen Situationen gegenüber sieht, fließt bei Schiller die Arbeit munter fort. Die Formarbeit an der Glocke wird zur Formarbeit am Leben.

Die französische National-Versammlung erhob im Jahre 1792 „Monsieur Gille“ mit Unterschrift von Danton zum Ehrenbürger der Revolution. Nur wenige Monate später, vernichteten die Revolutionäre die von Schiller so hoch besungenen Glocken in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß. In dieser Zeit läutete eine der schönsten Glocken Europas, die Emmanuel gemeinsam mit ihrer legendären Schwester Marie, in den Türmen von Notre Dame.


Die Revolution hat nicht nur 100 000 Glocken zerstört, acht Arbeiter waren 6 Wochen lang mit der Zertrümmerung der Marie aus dem Jahre 1391 beschäftigt. Victor Hugo danken wir das „Weiterklingen“ der Marie. Beeindruckend, wie er Quasimodo im „Glöckner von Notre Dame“ beim Läuten seiner Marie schildert.

Wenn der Erzdechant ihn zu ihm sagte: Geh, dann sprang er die Wendeltreppe schneller hinauf als andrere sie hinuntergelaufen wäre. Atemlos trat er in das Gemach der großen Marie, betrachtete sie voll Andacht und Liebe.

Ausgerechnet Napoleon, dem auf St. Helena das Angelusläuten fehlte, dessen Stimme beim läuten der Glocken zitterte, wie ein Freund berichtet, ließ aus den 100 000 Glocken Kanonen gießen und ihre todbringenden Stimmen auf den Schlachtfeldern Europas „erklingen“.

In Moskau scheiterte -unter dem Sturmgeläut aller Glocken Moskaus- sein Versuch die im Jahre 1735 gegossene größte Glocke der Welt, den Zar Kolokol, mit dem fast unglaublichen Gewicht von 201.924 kg Gewicht als Siegestrophäe nach Paris mitzunehmen.

Er tätschelte sie zärtlich mit der Hand. Einer Spinne gleich lauerte er seiner Marie auf und warf sich über das erzene Ungetüm. Quasimodo schrie; die ungeheure Glocke schnaubte unter ihm. Das war keine Glocke, kein Quasimodo mehr; das war ein Traum, ein Wirbel, ein Sturm; ein Dämon, der auf einem fliegenden Ungeheuer hockte; ein seltsamer Zentaur, halb Mensch, halb Glocke.  

 

Im brennenden Moskau verlor Napoleon und sein Heer die Entscheidungsschlacht seines Russland-Feldzuges, wie uns Peter Ilyich Tschaikovsky in seiner Ouvertüre 1812 von Glocken begleitet martialisch-klangvoll erzählt.

 


 

Die Glocke im Ersten und Zweiten Weltkrieg

 

„Monsieur Gille“, alias Friedrich Schiller, muss das Unfassbare der Ereignisse des Ersten und Zweiten Weltkrieges wohl geahnt haben. In sein Lied von der Glocke lässt er Verse von unheilvollen Visionen fließen.

Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocke Strängen
Der Aufruhr, dass sie heulend schallt,
Und nur geweiht zu Friedensklängen
Die Losung anstimmt zur Gewalt.
 
     Gefährlich ist's den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken   
Das ist der Mensch in seinem Wahn.

 

Der junge englische Lyriker Wilfred Owen schildert mit der Dynamik seiner Erzählkunst die Kriegserlebnisse im Frühjahr des Jahres 1917.

 

Aus Friedensglocken werden Kriegsfanfaren. Gott will, dass feuerspeiende Schlünde aus tiefen Glocken werden. Sie werden in stiller Dankbarkeit auf dem Altar des Vaterlandes geopfert, bekamen Gläubige in Gotteshäusern zu hören. Mit Fotos, der auf dem Altar des Vaterlandes geopferten Glocken, möchte ich Sie für Augenblicke alleine lassen. Zu diesen Bildern fehlen mir die Worte.

Im Schützengraben musste er tief erschüttert mit ansehen, wie eine Kanone seinen besten Freund tötete und seine Gliedmaßen in alle Winde zerstreute. Wer Owens Erzählungen gelesen hat, wird sie nie wieder vergessen.

Was für Totenglocken gebühren jenen, die wie Vieh verenden? Nur das schnelle Knattern der ratternden Rohre kann die hastigen Gebete für sie daher sagen. Kein Hohn für sie in Sprüchen oder Glocken, und keine Stimme der Trauer, bis auf die Chöre – Die gellenden, wahnsinnigen Chöre der Kanonen.

Auf welchen Glockentürmen in den Weiten des Deutschen Reichs läuteten diese Glocken. Glocken, die zu wahnsinnigen Chören von Kanonen umgegossen, Owens Freund wie Vieh verenden ließen.

 

Aber gerade in ausweglosen Situationen schwingen im Klang der Glocken Teiltöne nie versiegender Hoffnung.

Ganz in der Nähe von Amsterdams Westerkerk, in dem auch der Maler Rembrandt begraben liegt, befand sich das Versteck von Anne Frank. Im Juli 1942 schreibt sie in ihr legendär gewordenes Tagebuch:

Nur etwas mehr als 20 Jahre später. Wir schreiben das Jahr 1939. Deutsche Truppen sind gerade dabei Polen zu besetzen, als sich der 19-jähriger Student Karol Wojtyla, seine Sorgen von der Seele dichtet.

Meine Glocke lag da. Sie wartete auf ihren Klang. Mein Herz wartete in der Glocke. O bronzenes Haus! Ich werde dich auf den Zygmunt-Turm ziehen. Zusammen werden wir freier, zusammen wird uns leichter sein.

Herr, ich bin die Glocke, ich bringe das Herz in Schwung. Es sollen die Glocken läuten, sie sollen läuten über dem Schicksal der Menschen. Herr, deine Hände sollen sie in Schwingung bringen.

Ob der Student Karol Wojtyla ahnte, dass wir Deutschen einen neuen Rekord beim Vernichten von Glocken aufstellen würden. Weit über 150.000 Glocken haben die beiden Kriege innerhalb von 25 Jahren verschlungen. Ein kaum fassbares Zerstörungswerk, bei dem nach Hermann Göring, nur noch 12 Glocken übrig bleiben sollten.

Eilig begannen die Herren des 1000-jährigen Reiches mit der Enteignung der Glocken und dem Abtransport zum Glockenfriedhof im Hamburger Hafen.

Liebe Kitty! Vater, Mutter und Margot können sich noch immer nicht an das Geräusch der Westerturmglocke gewöhnen, die jede Viertelstunde angibt, wie spät es ist. Ich schon, mir hat es sofort gefallen, und besonders nachts ist es so etwas Vertrautes.

Für das jüdische Mädchen Anne Frank hat der Klang der christlichen Glocke etwas Beruhigendes, Vertrautes. Der Klangraum der Glocke versprach Geborgenheit. Dies änderte sich jäh von einem Tag auf den anderen. Eine bedrohliche Stille hielt Einzug. Und wieder nimmt Anne ihr Tagebuch und schreibt im August des Jahres 1943 ihre Empfindungen beim Schweigen der Glocken nieder.

Seit einer Woche sind wir alle ein bisschen durcheinander mit der Zeit, weil anscheinend unsere liebe und teure Westerturmglocke abgeholt worden ist, und wir wissen seither weder bei Tag noch bei Nacht, wie spät es ist.    

Nicht wissen, wie spät es ist. Für uns Menschen des 21. Jh. ein unvorstellbarer Gedanke. Unvorstellbar? Unsere Uhr zeigt uns nur die Zeit an, sie sagt uns nicht, wie spät es ist, sie sagt uns nicht, wenn es Zeit ist, sich auf die wesentlichen Dinge des Lebens zu besinnen. Die Glocke schon.

 

Viele Kirchengemeinden verabschiedeten ihre schon fast vergessenen Glocken nun in Trauer über den schmerzlichen Verlust.

Wir dürfen aber auch Glockengüsse für Führer, Volk und Vaterland, dürfen Abschiedspredigten nicht verschweigen, die mit nationaler Empathie die Ablieferung der Glocken rechtfertigten.


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