Eine Reise durch die Welt der Glocken

 

Ausläuten

Aus den Weiten Chinas kommend, über die Hochkulturen der Menschheitsgeschichte, bis hin ins Land der Bibel hatten die Menschen die Glocke zu ihrem Symbol der Harmonie erkoren. Und dort, wo die Harmonie ihren Klangteppich ausbreitete, konnte das Böse nicht eindringen, glaubte man fest. 

In der Zeit von Konfuzius wird erstmals die Frage aufgeworfen, was Harmonie, was eine in innerer Harmonie erklingende Glocke denn sei und wie Harmonie und die Klangschönheit einer Glocke definiert werden kann. Siegen Mathematik und die Perfektion chemisch-physikalischer Eintönigkeit oder gibt es jenseits der Wissenschaften eine innere Harmonie, die Reibungen und Widersprüche zu einem interessanten, harmonischen Klangbild zusammenführen kann?

Die Diskussion was die rechte Stimmung, was Harmonie wohl sei, geht auch  in unseren Tagen weiter. Ist „die rechte Stimmung“ wirklich nur mit Nachstimmen, d.h. ausschleifen der Glocken zu erreichen?

Verlangt „die rechte Stimmung“, „die Harmonie der Töne“ nicht zwingend auch das „rechte Hören“ mit offenen Ohren und noch offenerem Herzen? Wenn die Musik, wenn der Glocke Klang im Herzen der Menschen geboren werden, dann müssen ihre Klänge so vielfältig sein wie das Wesen des Menschen.

Nur dann wird es uns gelingen, die "Innen-Harmonie" von Mensch und Glocke in „Ein-Klang“ zu bringen.


Ein sehr tiefgründiger, und fortdauernd aktueller Gedanke zum Glockenläuten ist uns vom englischen Lyriker John Donne aus dem Jahre 1624 überliefert. Ernest Hemingway läutet seinem Roman „Wem die Stunde schlägt“ damit ein:

Kein Mensch ist eine Insel im Innern seines Ichs, jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen; ....... Wenn ein Brocken Erde von der See hinweggeschwemmt wird, wird Europa um so viel kleiner …....; jedes Menschen Tod vermindert mich, weil ich zur Menschheit gehöre. Darum frage nie, wenn es läutet, wem die Stunde schlägt: Sie schlägt immer für dich.

Wenn ich John Donne richtig verstehe, interpretiert Bischof Wanke diesen Gedanken, genügt es eben nicht, wenn wir Christen -aber nicht nur wir- uns immer detaillierter über den Unfrieden, den Unglauben in der Welt informieren und den Verfall von Werten beklagen. Solange wir uns nicht betroffen fühlen, solange wir uns nicht als „einen Teil des Ganzen“ einbringen, solange wir nicht Werte glaubhaft leben, so lange werden wir nichts Wesentliches ändern. So lange rufen Glocken vergebens.

Frieden schaffen nicht irgendwelche Institutionen für mich. Kirche ist nicht irgendwer, Kirche sind wir, jeder Einzelne von uns. Die Botschaft Jesu von Friede, Freiheit und Menschenwürde ereignet sich nicht ohne uns, weil wir zur Menschheit, zur Christenheit gehören. Und deshalb läuten Glocken immer für dich und für mich.

 

Wenn die Harmonie der Glocken-Klänge Bauprinzip der Welt ist, wie Konfuzius philosophiert, dann muss sich in dieser Harmonie die ganze Fülle, der Reichtum, die Vielfalt, die Schönheit und die Widersprüchlichkeit der Schöpfung wiederfinden. Deshalb dürfen wir „Ein-Klang“ niemals mit „Ein-Tönigkeit“ verwechseln."Einklang" verlangt das Einbinden der Vielfalt zu einem Klangbild, zum "Ein-Klang".

 

Mit der wiedererlangten Freiheit ist mit den beiden Weltkriegen gleichzeitig das alte Europa untergegangen, stellt die in Karlsruhe geborene Lyrikerin Marie Luise Kaschnitz fest. In ihrem poetischen Gedankenbild „Europa“, beschwört sie unseren Kontinent als Heimat der kühnen Gedanken, der brennenden Worte und der Schönheit. 

Sie sehnt sich nach einer Welt von ewigem Frieden, in der die unausdeutbaren Glocken, nach dem von Hermann Göring verordneten todbringenden, dröhnenden Schweigen, langsam wieder zu singen beginnen.

Aber Ihr Traumwandler schreit in die Welt, ruft nach Europa. Aber Europa gab es nicht mehr. Europa lag unter den Trümmern der Kriege begraben. Ihr Traumwandler schreit nach einer Welt, in der keine Angst mehr das Leben bedrängt. Doch sein Ruf verhallt ohne Antwort.

Lassen Sie mich, lassen Sie uns träumen. Träumen von Zeiten des Friedens. Träumen, dass Quasimodos geliebte Marie, von Napoleon einst zur Kanone umgegossen, gemeinsam mit ihren Schwestern ganz leise wieder zu singen beginnt. 

Die Gloriosa des Domes zu Erfurt, die Emmanuel von Notre Dame in Paris, die Sigismundglocken im Wawel von Krakau und im Veitsdom von Prag, die Gefallenen-Glocke von Rovereto, die Apostelglocke der Johanniskirche von Lüneburg, die Hosanna des Freiburger Münsters, die  Bamberger Kunigundenglocke, die beiden Bienenkörbe von Augsburg, die Zuckerhutglocken von Niederthalhausen und das Glockenensemble der Reichenau, die drei großen Glocken des Braunschweiger Domes oder das Geläut der Dome und Münster in Utrecht, Innsbruck, Salem, Konstanz, Bern, Frankfurt und der Kreuzkirche in Dresden –um nur einige prominente Beispiele zu nennen– zählen bei Glockenexperten wie bei Laien zu den schönsten Glocken und Geläuten Europas.

Diese Glocken haben eine Innenharmonie, die nach heute üblichen musikalischen Kriterien nicht unharmonischer sein könnte. Bei so manchem Glocken- Sachverständigen würden diese Glocken die Prüfung nicht unbeschädigt überstehen. Sie würden nachgestimmt - und das bedeutend ausgeschliffen all zu oft ausgefräßt. Das  Computer gesteuerte Glockenschleifen siegt über die Kunst des Glockengusses. Die Glocke verliert ihre Seele.


Träumen, dass der Hauch des Abendwindes ihre Friedensklänge über die Weiten der Schlachtfelder vergangener Kriege trägt. Davon träumen, dass aus den Scherben der Kanonen wieder Glocken der Hoffnung und Zuversicht erklingen und dem Traumwandler wieder seine Stimme geben.


Für Thomas von Aquin war das Wahre, das Gute und das Schöne ein unzertrennliches Dreigestirn.

Die Sorge um die Wahrheit und das Gute -so interpretiert Bischof Joachim Wanke Thomas von Aquin- darf das Schöne nicht übersehen. Wir laufen sonst Gefahr, Ideologen nachzueifern, welche die Konsequenzen ihres Denkens vor allem der Eiseskälte des Herzens verdanken. 

Träumen davon, dass Marie Luise Kaschnitz mit den Zeilen in ihrem poetischen Gedankenbild „Europa“ doch noch rechtbehält:

Wenn in der Neujahrsnacht die Glocken tönen, die heimgekehrten, mühselig hinaufgezogen in die geborstenen Türme, die großen Glocken ….... Nur die Glocken, die Sturm singen und Frieden singen, die Tod singen und Weihnacht singen. Die rätselhaften, unausdeutbaren Glocken rufen noch immer.

Ja, sie rufen -wenn auch etwas leiser geworden- sie rufen noch immer. Noch immer geben sie dem Tag einen humanen Rhythmus vor, schaffen einen Klangraum, in dem es sich leben lässt und zu leben lohnt. Sie läuten zum  Gebet oder ganz einfach zum  Innehalten und Nachdenken über Grundfragen unseres Seins. Nachdenken über die christlichen Werte, auf deren Fundament Generationen vor uns Europa aufgebaut haben.

Harnonie von Sphären und Klängen: Der Osterteppich von Lüne

Zur Harmonie gehört der Unterschied, zur Harmonie, gehört ein bestimmter Gegensatz, wie bei der Harmonie von Farben und Klängen. Hegel bezeichnet dieses Miteinander von Sphären, zwischen Himmel und Erde, Kunst und Musik, als „harmonischen Weltchoral“. In diesen Choral zwischen Zeit und Ewigkeit stimmen Glocken seit nunmehr 5.000 Jahren ein.

Die Gefallenenglocke von Rovereto:

Klangvoller Weckruf gegen das Vergessen. Ersparen wir ihr das Gebetsläuten für die Toten der Kriege. Helfen wir mit, dass ihre weittragenden Klänge für Frieden, Freiheit und für die Würde jedes Menschen gehört und erhört werden.

 

Fußnoten zu den Texten, Benutzte Literatur und Bildnachweis in: Kurt Kramer, Klänge der Unendlichkeit, Kevelaer 2015.

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