Eine Reise durch die Welt der Glocken



VENI CREATOR SPIRITUS

Musik im Geiste der Schöpfung – Die Glocke in der Musik

Evangelist Lukas mit Glocken, Luttrell Psalter, Lateinischer Psalter, British Library, London,  Psalm 98/99,  Ost-England um 1325-1335, Add. 42130 f. 176.

Erstveröffentlichung: Singende Kirche, Zeitschrift für die katholische Kirchenmusik in Österreich,
Wien, 4, 2022, 69. Jahrgang, S. 244-251.


VENI CREATOR SPIRITUS

Diese Bitte um den hl. Geist, steht vor allem für Christen am Anfang allen kreativen Tuns. Gott legt in unsere Herzen täglich aufs Neue seinen Geist. Durch seine schöpferische Kraft wird in unseren Herzen die Musik immer neu geboren, auch die Bedeutung und der Klang der Glocke. Sie ist, gemein-sam mit der Orgel, das klangreichste aller Musikinstrumente. Sie kündet seit fast 5000 Jahren von der Sehnsucht der Menschen nach Göttlichem, ihr Klang wird Symbol der Stimme von Oben.


Komm, Schöpfer allen Geistes + Kehre ein in die Seele der Deinen;

Beschenke mit himmlischer Gnade + Die Herzen derer, die du geschaffen.


Veni, Creator Spiritus, ist ein Pfingsthymnus aus dem 9. Jahrhundert. Er wird einem der bedeu-tendsten Äbte des Benediktiner-Klosters Fulda und späterem Erzbischof von Mainz, Rabanus Maurus (780-856), zugeschrieben. Rabanus war zutiefst von der Bedeutung der zu Ehren Gottes erklingenden Glocken und Glöckchen überzeugt. An zwei Stellen seiner Schriften schreibt er, dass Glocken, die zur Ehre Gottes läuten, besonders schön erklingen müssen.

Er vergleicht Glocken mit der menschlichen Stimme, die einzelne Buchstaben und Silben

zusammenfügt und erst dadurch in Harmonie erklingt. Der Hymnus kehrt immer wieder zum Grundton zurück und kann von einer Glocke übernommen werden, so z.B. es', auch ergänzend as' – b', so wie es zur Zeit von Rabanus Maurus bereits eine „heilige Gewohnheit gottseliger Mönche“ war.

Seit dem 10. Jahrhundert ist das “Veni, Creator Spiritus“ Bestandteil der Liturgie und wird in der Zeit von Christi Himmelfahrt bis Pfingsten gebetet und gesungen. Die älteste gregorianische Melodie ist um das Jahr 1000 aus Kempten überliefert.

                                               Barberini Psalter 12. Jh., Biblioteca apostolica vaticana. MS Barb. grec.372, fol. 249r.

Pansflöten und Glocken mit ihrem Klang, sie wechseln mit dem Gesang

Musik im Geiste der Schöpfung mit Glocken, lässt uns ins 3. Jahrtausend v. Chr. zurückblicken. Dort treffen wir in China um das Jahr 2.500 v. Chr. den legendären Gelben Kaiser, Huang-ti. Er ließ zwölf Glocken gießen, um eine herrliche Musik auszuführen. Im mittleren Frühlingsmonat wurde sie zum ersten Mal aufgeführt. Zur wichtigsten Aufgabe eines jeden ersten chine-sischen Kaisers gehörte es, einen neuen Leitton zu disponieren, um Gemeinschaft und Kosmos in Einklang zu bringen.

Um diesen Leitton hatte sich im fünften vor-christlichen Jahrhundert Konfuzius, der damalige Justizminister zu kümmern. Er ließ für das gesamte Kaiserreich eine Glocke als Leitton gießen, deren Durchmesser war gleichzeitig das Maß der Länge, ihr Hohlraum die Maßeinheit für die Schütte Reis, ihr Gewicht das Eichmaß für die Waage. Dem Orchester verhalf sie zum rechten Ton, wie uns eine Tonaufnahme mit Glocken aus dem 4. Jh. v. Chr. erahnen lässt.

Die Festsetzung der wichtigsten Parameter für die Zhong-Glocke, ergänzte die asiatische Philosophie mit Gedanken, die mit der Glocke eng verwoben sind. Mit Gu wird der Anschlag-punkt an der Glocke bezeichnet, Gu ist gleich-zeitig das Wort für musizieren. Beim Taoisten Tian Tongxiu lesen wir in einer Zusammenfas-sung früherer Traditionen aus der Mitte des 8. Jhdts. n. Chr.: Hören ist wie der Anschlag einer Glocke mit einem Klöppel. Die Glocke befindet sich in mir, in der Form meines Ohres. Der Klang der Glocke besteht in meiner Reaktion auf sie.

Demnach bestimmt nicht das Ohr, was ich höre und über das Gehörte denke. Das Ohr ist ausschließlich Medium zum übermitteln dieser Botschaft. Darüber hinaus wird das wahre Hören auch vom Sehen, von individuellen Gedanken und Stimmungen geprägt, also von dem, was den Zuhörer mit dem Gehörten zuweilen emotionslos oder dann wieder leidenschaftlich verbindet. Der Hörende verleiht der Glocke oder der Musik die Farbigkeit, die Eindringlichkeit und die Sinnlich-keit ihrer Sprache, die Musiker, Maler, Dichter und Philosophen in ihren Werken zu deuten suchten.

Pansflöten und Glocken mit ihrem Klang, sie wechseln mit dem Gesang. Tu Zhiwei, Tanz der Glocken, 1996, Shaoguan, Guangdong,  ArtMuseum, Wengyuan, China. Mit freundlicher Erlaubnis des Künstlers Tu Zhiwei.

Ein Gedicht des Musikmeisters Kui im Buch der Urkunden aus vorchristlicher Zeit, erwähnt der in melodischer Lyrik achterlei Musikinstrumente und Klänge einer ehrwürdigen Musik, die bei fürstlichen Festversammlungen erklangen:

Ich schlag' den Klingstein leicht und stark, ich rühre Harfe und Zither zum Gesang. Vor dem Saale im Hofe die Flöte ertönt mit der Trommel zusammen im Takt; sie fallen ein, sie hören auf, wenn die Klapper, die Rassel schnarrt. Pansflöten und Glocken mit ihrem Klang, sie wechseln mit dem Gesang.

Auf der Glockenstraße ins Land der Bibel

Mit klangvoller Lyrik haben Menschen im fernen Asien die Glocke zum Symbol der Harmonie erkoren. Sie waren zu tiefst davon überzeugt: Wo immer die Glocke ihren Klangteppich ausbreitet und daraus ein Klangraum der Harmonie erblüht, hat das Böse keine Chance. Dieser Gedanke begleitete auch das Reitervolk der Skythen, die Völker Mesopotamiens, Assyriens, Urartu und Armeniens. Von dort führt eine Glockenstraße weiter ins vorchristliche Europa, eine andere in das Land der Bibel, auch nach Jerusalem zum Laubhüttenfest, wie wir im Buch Sacharja (14) lesen,

um anzubeten den König, den HERRN Zebaoth. Denn zu der Zeit wird auf den Glöckchen der Pferde stehen Heilig dem HERRN.

Mit Glöckchen geschmückt sind auch die Krone und das Schild der Thora.


Das 2. Buch Mose und später geradezu lyrisch das Buch Jesus Sirach (45,9), beschreiben die Glöckchen am Rocksaum des hohepriesterlichen Gewandtes von Aaron aus dem Stamme Levi:

Der Herr kleidete ihn in Pracht und schmückte ihn mit herrlichen Gewändern: Deren Saum verzierte er mit Glöckchen ringsum. Sie sollten bei seinen Schritten lieblichen Klang geben, damit er im Heiligtum zu hören war und sein Volk aufmerksam wurde.

Zwölf Glöckchen sollen es gewesen sein. Die Zahl 12 steht im Judentum für die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Die Zahl der Welt, die 4, vervielfacht mit der Zahl des Göttlichen, der 3, ergibt die 12. Sie symbolisiert das, was wir uns nicht an den 10 Fingern unserer Hände abzählen können, das Unbegreifliche, die Botschaft, vom Leben, Sterben und der Auferstehung Jesu.

Ich freute mich als man mir sagte: Zum Haus den Herrn wollen wir pilgern. Kalendarium; Psalterium, Michaelsklosters auf dem Heiligenberg, Lorsch, 2. Viertel 11. Jh., Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. lat. 39, 44v.

Diese Glöckchen gaben auch den Psalmisten den Ton vor, wie Suzanne Haik Vantoura, eine franzö-sische Musikforscherin und Komponistin, Schülerin von Marcel Dupré, schreibt. Sie analysierte in den biblischen Schriften notenvergleichbare Zeichen, die Hinweise auf eine biblische Musik geben könnten.

Nach zahlreichen Theorien und Experimenten entdeckte sie einen Zusammenhang zwischen Zeichen -wie im Bild aus dem Codex Aleppo zu
sehen-, die ober- und unterhalb der eigentlichen Schrift eingefügt waren und entschlüsselte ihre Bedeutung für die biblische Musik.

Das Ergebnis Ihrer Forschungsarbeit, ist die Entdeckung von musikalischen Kostbarkeiten. Ein besonders schönes Beispiel ihrer Arbeit gelang ihr mit der Rekonstruktion von Psalm 122,1, David auf der Wallfahrt nach Jerusalem:

Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.


Psalm 122,1 mit Notenzeichen zwischen den Zeilen. Aleppo-Codex, See Genezareth um 930, Israel Museum, Jerusalem.



Kleine Glöckchen – Große Bedeutung

Die Musik Israels beeinflusste fortwährend die Psalm-Gesänge des frühen Christentums und wohl auch ihrer Klangwelt, die auch noch in Kompositionen späterer Jahrhunderte weiter-klingt.  So auch in den Canones der Kirche von Alexandria, in denen die Glocke erstmals als Musikinstrument in der Liturgie erwähnt wird. Im Canon 29 lesen wir, was nach Austeilung der Hl. Kommunion geschehen soll:

Wenn die Kommunion des Volkes beendet ist, sollen beim Läuten der Glocke Psalmen mit großer Aufmerksamkeit vorgetragen werden.

Dieser Text lässt die Glocke als Zeichen in der Liturgie und zur Intonation der Psalmen und anderen liturgischen Gesängen als cantus prius factus erklingen. Beim christlichen griechischen Kirchenvater Hippolyt, der mit der Kirche von Alexandria eng verwoben war, lesen wir um das Jahr 200, dass beim Klang von Glocken oder Glöckchen Psalmen, hier Psalm 150, mit großer Aufmerksamkeit gesungen werden sollen.

Halleluja! Halleluja!

Lobt Gott in seinem Heiligtum,
lobt ihn in seiner mächtigen Feste!
Lobt ihn für seine großen Taten,
lobt ihn in seiner gewaltigen Größe!
Lobt ihn mit dem Schall der Hörner,
lobt ihn mit Harfe und Zither!
Lobt ihn mit Pauken und Tanz, /
lobt ihn mit Flöten und Saitenspiel!
Lobt ihn mit hellen Glöckchen,
lobt ihn mit klingenden Glöckchen!
Alles was atmet, lobe den Herren.

Halleluja! Halleluja!

Glockenläuten zur Verherrlichung Christi. Goldener Münchner -Gloucester- Psalter, um 1200, BSB, CLM 835, 147r.

Mit gutem Grund steigerte sich der Einsatz der Musikinstrumente von den Posaunen bis hin zu den Cymbalis, die korrekte Übersetzung wäre Glöckchen, am Ende des Psalms. Und nicht ohne Grund lässt der Psalmist im Text die Glöckchen als einziges Musikinstrument zweimal erklingen. Der Kirchenvater Augustinus von Hippo (354–430) mahnt, wachsam auf die Klangfarbe der Glöckchen oder auch Glocken zu hören: Damit aber niemand Glöckchen meint, die ohne Seele tönen, glaube ich, ist hinzugefügt, mit jubelnden Glöckchen. Diese Mahnung von Augustinus gilt den Mönchen beim Läuten zum Stundengebet und wohl bei jeder Musik. Denn unbeseelt findet kein Gebet, auch kein gesungenes, den Weg gen Himmel. Ohne Seele erstickt die Musik zur Ehre Gottes im Notengewirr der Partituren und selbst das schönste Geläut verkommt zu einer Ansammlung tönender Schellen.

Ein wunderschönes Relief - Die Musik oder auch Der vierte Ton - genannt, an der Kathedrale St. Lazare von Autun auf einem Kapitell von 1140 zu sehen, zeigt die Bedeutungsvielfalt und Nutzungsvarianten der Glocke in der Musik - Handglocken, Schlagglocken, Glocken zum Beiern - auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Aber am Rocksaum der zentralen Figur, vielleicht ein Priester, schwingt eine Glocke mit Klöppel, auf der ein foramen triangulum zu sehen ist. Foramina, das sind vier dreieckig geformte Durchbrüche an der Glockenschulter, 

die nur an wenigen Glocken zu sehen sind, so auf der Canino-Glocke im vaticanischen Museum in Rom und der kürzlich wiederentdeckten Bürgli Glocke aus Gailingen am Bodensee. Die Bedeu-tung und Wirkung der Dreiecke sind umstritten.

Theophilus schreibt: „quatuorque foramina triangula juxta collum ut melius tinniat, formabis“. Demnach sollten vier dreieckige Löcher in die Glockenschulter eingeformt werden, damit die Glocke wundervoll klingt. Nur in Läuteglocken für Gebet und Liturgie, wurden diese eingeformt und eingegossen.

Kathedrale von Autun, Kapitell, Der Vierte Ton oder die Musik genannt, um 1140, AKG1781279, Yvan Travert

Deshalb verweisen Foramina, in meiner Deutung, auf die Transzendenz des Glockenklanges und auf geheimnisvolle, sphärische Klänge. Sie sollten beim Erklingen den Weg gen Himmel öffnen. Die vier Dreiecke, Vier und Drei, ergeben die geheiligte Zahl Sieben. Die sieben Gaben des Heiligen Geistes sind für Theophilus, wie er im Vorwort zum dritten Teil der Schedula schreibt, Grundvoraussetzung für unser Dasein, vor allem für die künstlerische Schaffenskraft. Die Vier, die Zahl der Welt, vervielfacht mit der Drei, der Zahl

der Dreifaltigkeit und des Göttlichen, ergibt die Zwölf. Zwölf Glöckchen erklangen am Rocksaum des Hohepriesters, wir lesen von zwölf Stämmen Israels und später entsandte Jesus zwölf Apostel, um seine Botschaft weiterzutragen. Mit dieser Deutung wurde mit den quatuor foramina triangula die hohe Wertschätzung in die Glockenschulter eingegossen. Dies wäre dann auch eine weitere Erklärung, warum die Glocke in früheren Jahrhunderten im Mittelpunkt der zur Ehre Gottes erklingenden Musik stand.

Te Deum laudamus

Zur Ehre Gottes erklingt in besonderer Weise das Te Deum laudamus: Großer Gott wir loben Dich. Es ist wohl das beliebteste, meist im fortissimo gesungene Kirchenlied. Es klingt feierlich, oft ergreifend und wäre auch musikalisch in weiteren variantenreichen Notationen, auch ohne Gemeindegesang, denk- und aufführbar. Und doch hätte jeder Konzertbesucher das Lied auf seinen Lippen. Die heutige Form des Te Deum laudamus ist erstmals im lateinischen Antiphonar Benchorense, aus dem nordirischen Kloster St. Kieran in Bangor um 690 aufgeschrieben. Das Kloster, aus dem der hl. Columban, der spätere Abt von Bobio (612-615), kommt, war in dieser Zeit nicht nur geistiges Zentrum. Auch seine kunstreichen Buchbeschläge und Kelche, auch heraus-ragende Glockengießermönche und ihre legendären Glocken waren bekannt. Das beliebteste Stück im Antiphonar ist die Hymne 

Sancti venite Christi corpus sumite, die zur Kommunion der Priester gesungen wurde. In dieser Handschrift sind zahlreiche, auch heute bekannte Gesänge der frühen Kirche, allerdings ohne Noten aufgeschrieben. 

Das Te Deum laudamus zählt zu den beliebtesten und meistgesungenen Übertragungen eines ökumenischen Kirchenliedes in die deutsche Sprache. Den Text des auch heute noch gern gesungenen Großer Gott wir loben Dich, dichtete Ignaz Franz aus Breslau, ein kath. Priester und Kirchenliederdichter, im Jahre 1771. Die eindrucksvolle Vertonung dieses Textes aus dem Jahre 1792, verdanken wir dem Mannheimer Kapellmeister und Komponisten Peter Ritter (1763–1846). Seine Musik ist inspiriert von der Mannheimer Schule, von der Wolfgang Amadeus Mozart schon im Jahre 1778 mit Hochachtung schwärmt.

Gloria in excelsis Deo. Dieser Lobpreis aus dem Lukasevangelium war zunächst Anfang eines früh-christlichen Hymnus und ist heute Teil des Morgengebets, der Laudes und der Messe. Die älteste Form in lateinischer Sprache ist uns, wie das Te Deum, vom Kloster St. Kieran in Bangor überliefert. Im frühchristlichen Verständnis geht die Verherrlichung Gottes von den Engeln und himmlischen Chören aus, deshalb auch Hymnus angelicus, Lobgesang der Engel genannt.

Musik zu Ehren des Auferstandenen am Ostermorgen. Osterteppich von Lüne, 1504-05, H 475 cm, B 420 cm.
Originalfoto - mit Dank - vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Das Gloria-Motiv ist für die liturgische Läuteordnung, z.B. es' – f ' – as', eine gern verwendete, beliebte Tonfolge. Auch für kleine, 3-stimmige Geläute wird sie über Jahrhunderte hinweg, bis in unsere Zeit, gerne disponiert.  Der Hymnus angelicus, musiziert mit Glocken, Orgel und Gesang, ist ein himm-lisches Angebot mit unerschöpflichen musikalischen Modulationsmöglichkeiten. Auch die Vielzahl der Salve Regina Melodien, beginnend mit Hermann von der Reichenau in der Mitte des 11. Jh., kann jeden Kirchenmusiker zu ungeahnten, variantenreichen Kreationen anregen , dies gilt auch auch für unzählige, hier aus Platzgründen nicht erwähnte liturgische Gesänge.

Im Rhythmus und Einklang                               mit den Glocken

Das Römische Graduale mit den Sermones dominicales, eine Handschrift aus dem letzten Viertel des 11. Jh., verfasste Johannes Halgrinus de Abbatisvilla im Auftrag der Kathedrale von Saint-Etienne in Toulouse. Das Graduale enthält eine Sammlung von liturgischen Gesangs-melodien für das Kirchenjahr, die in Neumen notiert und von Buchmalern mit Musikern und ihren Instrumenten geschmückt wurden. Das Graduale ist eine der frühesten  und umfas-sendsten Sammlungen feierlicher liturgischer Gesaangs-Texte.

Einen zentralen Platz unter den Musikern nimmt der Glockenspieler oder Glöckner ein, der das Gloria patri et filio et spiritui sancto von Glockenklängen intonieren und begleiten lässt. Sie geben den anderen Musikern und Sängern die Tonhöhe und Melodie und auch den Rhythmus vor. Die Tonhöhe ist in den Sermones in Stufen und Tonsilben - ein Liniensystem gab es noch nicht - und nicht in absoluter Tonhöhe angegeben, Glocke oder Glöckchen markierten den cantus prius factus. Einige Autoren deuten das schwungvolle Auf und Ab der Notenverläufe in den Sermones als Dirigierbewegungen eines Kantors. Ein sicher schöner Gedanke, der noch einer plausiblen Ausformulierung bedarf.

Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem hl. Geist. Johannes Halgrinus de Abbatisvilla, Sermones dominicales;
Römisches Graduale mit Neumen, letztes Viertel des 11. Jh., f.299v, London, British Library, Harley MS 4951.

Das Buxheimer Orgelbuch ist ein Codex, der zwischen  1460/1470 für die Kartause Buxheim im heutigen Landkreis Unterallgäu zusammen-gestellt und aufgeschrieben. Er enthält 256 Kompositionen und Bearbeitun-gen für Tasteninstrumente, untermalt und begleitet von Glockenklängen. Die Stücke werden einem Kreis um Conrad Paumann zugeschrieben, der von 1450 bis zu seinem Tod im Jahre 1473 als Bayerischer Hoforganist in München wirkte. Auch die Redeuntes sind erstmals bei Paumann belegt, bei denen die Notenwellen immer wieder zu ihren Anfängen zurückkehren. Im Buxheimer Orgelbuch sind weitere Werke eingebunden, so das Fundamentum Organisandi. Neben Bearbeitungen von weltlicher Musik, enthält das Orgelbuch geistlich-liturgische Kompositionen und Präludien.

Die Tabularschrift im Buxheimer Orgelbuch besteht nun, anders als zuvor in den Sermones domini-cales, aus einem Sieben-Liniensystem und Buchstaben der älteren deutschen Orgeltabulatur, bei denen wohl seit dem 14. Jahrhundert die Glocken, als cantus prius factus, den Klängen der Orgel die Tonhöhe vorgeben, sie begleiten und neue Klangfarben hinzufügen. Da die Tonhöhe in Stufen und Tonsilben angegeben ist, richten sich die jeweiligen Tonarten nach den jeweils an der Kirche vorhan-denen Glocken. Wir sollten den Klang der Glocken aber nicht nur als cantus prius factus begreifen, wir sollten sie vielmehr zur Interpretation und Improvisation in immer neuen Tonfolgen läuten, um im Fluss der Klangwellen neue Klangbilder zu schaffen.

Das ist der Tag des Herrn, Morgenläuten am Felsentor, Karl Friedrich Schinkel, 1818, Staatl. Museen Berlin

Das ist der Tag des Herrn!
Ich bin allein auf weiter Flur;
Noch eine Morgenglocke nur!
Nun Stille nah und fern!

Anbetend knie ich hier!
O süßes Grau‘n, geheimes Weh‘n!
Als knieten viele ungeseh‘n
Und beteten mit mir!

Der Himmel nah und fern,
Er ist so klar, so feierlich,
So ganz als wollt‘ er öffnen sich!
Das ist der Tag des Herrn!

Glocken begleiten seit dem frühen Christentum Ordensfrauen und Mönche bei ihren Horen. Drei Gebetszeiten, auch Angelus-Läuten genannt, übernahmen die Christen auch außerhalb der Klostermauern.

Das Angelusgebet der Engel des Herrn umfasst die Heilsgeschichte von der Verkündigung bis zur Auferstehung. Jesus wurde Mensch durch Maria. Ihr brachte der Engel des Herrn die Botschaft. Dieses Gedenken und diese Gebetszeiten waren durch alle Jahrhunderte, bis in unsere Zeit, zutiefst mit symbolischen Deutungen und Emotionen verbunden.

Das Abendläuten will uns an das Leiden und Sterben Jesu erinnern. Im Abendgebet konnte der vergangene Tag nochmals betrachtet, aufgearbeitet und gleichzeitig zurückgelassen werden. Die Mittags-Glocke hatte, neben dem Zeitläuten, von Region zu Region ganz unter-schiedliche Bedeutungen. Meist gedachte man der Menschwerdung Jesu.

Dem morgendlichen Läuten kam die wohl größte Bedeutung zu. Christen gedachten der Auferstehung Jesu am Ostermorgen. Die Glocke mahnte, aus dem Erwachen eine ganz persönliche Auferstehung werden zu lassen. Ihre Klänge wollten und wollen Mut zurufen, bei der Suche nach einem gangbaren Weg durch den oft mühevollen Tag.

Das Läuten am Sonntagmorgen hat Felix Mendelssohn Bartholdy nachhaltig inspiriert. In op. 77,1, aus dem Jahre 1836, vertonte er ein Gedicht von Ludwig Uhland von 1807. Das ist der Tag des Herrn. Das Lied wurde von zahlreichen Komponisten vertont. Besonders eindringlich gelang dies Mendelssohn Bartholdy.

Schäfers Sonntagslied ist ein Gedicht mit drei Strophen und der alles umfassenden Anfangs- und Schlusszeile: Das ist der Tag des Herrn. Das Lied wurde von zahlreichen Komponisten vertont. Besonders eindringlich gelang dies Felix Mendelssohn Bartholdy.

Ludwig Uhland ist mit diesem Gedicht eine inhaltsreiche Interpretation der Bedeutung der Glocke auch für unsere Zeit gelungen. Die Glocke schafft Verbindung zu einem Hirten, der seine Herde betreut. Ein zu tiefst christliches Symbol. Er kniet nieder zum gemeinsamen Gebet mit denen, die zuhause oder in der Kirche von ihm ungesehen und dennoch gleichzeitig beim Klang der Glocken mit ihm beten. Die Glocke schafft Gemeinsamkeit auch über Trennendes hinweg. Und am Ende verbinden ihre Klänge Himmel und Erde. Die erste Strophe könnte von einer es‘-Glocke eingeläutet und begleitet werden. Die zweite Strophe singt der Chor a cappella, die dritte könnte z.B. mit einem Dreiergeläut mit es' – g' – b' eingeläutet, begleitet und ausgeläutet werden. Das für zwei Solostimmen komponierte Lied, wurde bereits für Chor bearbeitet. 

 

Die Liebe ist wie eine Glocke, schrieb einst Gottfried Keller, welche das Entlegenste und Gleichgültigste wiedertönen lässt und in eine besondere Musik verwandelt.

Ob Gustav Mahler dieses Gedicht seines Zeitgenossen Gottfried Keller kannte, ist nicht überliefert. Jedenfalls war Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 2 in c-moll, Auferstehungs-, auch Glockensinfonie genannt, Anfang seiner Liebe für die Glocken, die seine Sinfonie in eine besondere Musik verwandeln. So untermalte er seine Engelsvision mit sphärischen Klängen von Harfe und Glöckchen und zum Ende der Sinfonie crescendieren Orgel und drei tiefe Glocken zu einem eindringlichen Klang-Gemälde in den Farben unerschütterlicher Hoffnung und österlicher Zuversicht.

Die Abendglocken besingt Camille Saint-Saens in seinen „Cloches du Soir“, im Original für Klavier komponiert. Aber nicht nur Abend-Glocken haben bei Saint-Saens großen Eindruck hinterlassen. In zahlreichen Kompositionen beschäftigt er sich hingebungsvoll mit den Glocken. Ein Beleg hierfür ist auch ein Aufsatz aus dem Jahre 1881, La resonnance multiple des cloches, über die Vielfalt der Teiltöne von Glocken. Bereits mit 17 Jahren komponierte Saint-Saens Les Cloches, eine große Symphonie für Glocken mit Chor. Danach schrieb er Glocken inspirierte Lieder und Klavierstücke. 

Besonders Abendglocken weisen eindrucksvoll auf die Glocken-Liebe Saint-Saens‘. Im Jahre 1889 folgt Les Cloches du Soir.  Der Rhythmus und seine Melodien klingen, als unterhalte sich Saint-Saens mit den Glocken. Aber auch Orgel und Glocken lassen sich auf einen regen Dialog und die klangvolle abendliche Stimmung ein. Man kann sich gut vorstellen, wie Camille Saint-Saens am Tag des Herrn bei einem Abendspaziergang in weiter Ferne die Glocken seiner Heimatstadt Paris das Ave Maria und den Angelus läuten hört und dieses Thema sehr eindrücklich, mit fast schon mystischen Tönen umgarnt. Bei Louis Vierne spiegelt sich, in seiner Version des L‘Angelus du Soir aus der Suite bourguignonne, op. 17, 1899, die tiefe Bedeutung des Angelus-Gebetes wider. L‘Angelus du Soir, ist ein kleines Abendlied für Orgel und Glocken, das Louis Vierne hörbar aus der Tiefe seiner Seele strömt. Am Anfang komponierte er seine Tonfolgen wie Glocken, die den Angelus läuten.

Dann beten seine Noten in einer Innigkeit, die berührt, und malen die Abendstimmung in den unterschiedlichsten Klangfarben in den Abendhimmel. L‘Angelus du Soir komponierte Vierne wohl für die kleine Glocke und Cavaillé-Coll-Orgel in Saint-Sulpice in Paris, welche die Geschichte des Orgelbaus prägenden sollte. Eine cis‘‘ - Glocke läutet den Angelus ein, schweigt und begleitet erst wieder den letzten Abschnitt des Satzes und das sich anschließende stille Gebet. Vierne komponierte weitere Angelus-Varianten, Au Matin, A Midi, Au Soir für Orgel und Singstimme, auch für Chor mit Glocken transponierbar.


Von Glocken inspiriert

Fast 30 Jahre nach seinem L‘angelus du soir, komponierte Louis Vierne ein Orgelwerk, das zu den beliebtesten Orgelstücken bis in unsere Zeit zählt. Allerdings wäre sein Carillon Westminster op. 54, 4 ohne den Rhythmus, die Klangfarben und die Melodie der Glocken wohl nicht ganz so berühmt geworden. Im Jahre 1927 begann Vierne eine Fantasie über den Uhrenschlag von Westminster in London zu komponieren, der seit dem Jahre 1858 seine weltweit bekannte Tonfolge h', e', fis' und gis' erklingen lässt. Vierne hat, die Tonfolge und die Tonhöhe geringfügig geändert. Dennoch, Louis Vierne’s Carillon de Westminster wurde zum Bestseller für Orgel und Glocken. Ein mächtiges Werk, dem die Toneinspielungen von Glocken live oder elektronisch ganz neue Klangfarben hinzufügen.

Einen Kontrapunkt zur neoromantischen Klang-Lyrik von Mahler, setzt Mauricio Kagel in Nah und Fern, einem Radiostück im WDR 1993, für Glocken und Trompeten. Kagel zieht alle Register seiner musikalischen Klang-Tastatur. Erst lässt er den Glöckner die knarrende Turmtüre auf-schließen und schlürfend die Treppe den Turm hochsteigen. Dort empfängt ihn schon der Uhren-schlag, die Turmbläser intonieren Kagel’sche Klänge, bevor die Glöckner die Glocken beiern, also die Klöppel mit einem Seil in vorgegebenem Rhythmus an die Glocke ziehen. Beim mehrmali-gen Anschlag der großen Glocke hören wir den Glöckner wieder vom Turm herabsteigen und die Tür hinter sich zuschlagen. Ein Klangorchester aus Geräuschen, Bläsern und Glocken in ganz seltenen, beeindruckenden Klangfarben.

Die legendäre Sängerin Edith Piaf, bewarb sich mit ihrem Chanson, Le trois cloche, der das Wesen der Glocke zum Klingen bringt, um den schönsten Glockenschlager. In diesem Lied begleiten Glocken der Liebe die Menschen von Geburt an durch alle Stationen des Lebens. Und noch im Tode lässt der Spatz von Avignon Glocken ewiger Liebe erklingen. Als Kontrastprogramm lässt die Rockband AC/DC in ihren Hells Bells die mächtige Höllen-Glocke, ich höre die Klangfarben der Freiheitsglocke von Berlin, die rockend dröhnenden Klangkaskaden ihrer Band intonieren. 

Glocken müssen auch beim Singenden Songwriter Bob Dylan tiefen Eindruck hinterlassen haben. In zahlreichen Liedern besingt er die Bedeutungsvielfalt der Glocke. Den für mich im wahrsten Sinne des Wortes anschaulichsten seiner Texte hat die Gruppe The Byrds vertont, Chimes of Freedom – Glocken der Freiheit. Dylan-Biographen ordnen das Lied in die Liste seiner bedeutendsten Lied-Dichtungen ein, und Paul Williams überhöht dieses Lied zu Bob Dylans Bergpredigt. Hier in gekürzter Fassung.

Die Sonne war untergegangen, die Mitternacht noch fern - Als majestätische Glocken-Blitze die Schatten der Nacht durchzuckten - Sie schienen uns wie leuchtende Glocken der Freiheit.

Sie erklingen für die Schwachen, die gebrechli-chen Kranken - Sie klingen für Wächter und Beschützer der Gedanken - Für den vergessenen Maler, dessen Werke versanken - Und wir schauen hinauf zu den leuchtenden Glocken der Freiheit. 

Sie leuchten den stummen gläubigen Suchern auf ihrem einsamen Weg - Den verlassenen Geliebten, die Schmerz und Leid bewegt - Und jeder harmlosen Seele, die man in Ketten gelegt.

Wir lauschten ein letztes Mal, überwältigt und verzaubert, bis die Glocken verklangen. 

Sie läuten für die Verletzten, die nichts und niemand heilt - Für die Verirrten, Verwirrten und jeden, der ein ähnliches Schicksal teilt - Und für jeden verzweifelten Menschen auf der ganzen weiten Welt - Und wir schauten hinauf zu den leuchtenden Glocken der Freiheit.

Einige Jahre vor Goethe und Schiller hatte sich ein großer Sohn Österreichs der Glocke angenommen. Im Tal der Salzach geboren, liebevoll „Wolferl“ genannt, gab er einer seiner Opern den Titel „Die Zauberflöte“. Er hätte sie getrost auch „Zauberglöckchen“ nennen können; denn was Papageno mit seinem Glockenspiel alles vollbringt, ist wahre Zauberei und erinnert im Duett mit Pamina an die Glocke als Symbol der Harmonie: Das klinget so herrlich, das klinget so schön… Nie hab ich so etwas gehört und gesehn!... Könnte jeder brave Mann solche Glöckchen finden, seine Feinde würden dann ohne Mühe schwinden und er lebte ohne sie in der besten Harmonie. Gegen Ende der Zauberflöte lässt Mozart den Papageno sein Weibchen mit Glöckchen rufen. Als nichts mehr hilft, als er der Verzweiflung nahe, bittet er die Glöckchen um Hilfe: Klinget Glöckchen klinget, und schon ist das ersehnte Weibchen da.

José Maria Sert y Badia-
Die Weibliche List - Vom Klingen der Glöckchen verführt


Eine außergewöhnliche Geschichte erzählen uns die „Bilder einer Ausstellung"des Komponisten Modest Mussorgski. Sein Freund Victor Hartmann, einer der berühmtesten Architekten Russlands um 1900, hatte den Auftrag, für Kiew ein Stadttor mit Glockenturm zu planen, aber weder Turm und Stadttor wurden gebaut. Victor Hartmann verstarb überraschend und sein Freund Modest Mussorgski komponierte zur Gedenkausstellung, in der Hartmanns Entwürfe zum Stadttor von Kiew zu sehen waren, die berühmt gewordenen „Bilder einer Ausstellung“. Ein wesentlicher und der wohl berühmteste Teil dieser Komposition widmete Mussorgski dem Turm und den Glocken des nie gebauten großen Stadttores von Kiew.

Victor Hartmann, Das Große Tor von Kiew

Nie gegossen wurden auch die Grals-Glocken für Richard Wagner. In seiner Parsival Partitur aus dem Jahre 1882 notiert er die Glocken C – G – A – E° in einer Ton Tiefe, bei der alleine die große Glocke mit einem Durchmesser von ca. 7.00 m, ca. 70 to. auf die Waage gebracht hätte. Dagegen untermalen Hector Berlioz seine Symphonie fantastique im Hexensabat und Dies irae und Rachmaninov Die Glocken, in wirklichkeitsnaher Tonhöhe.

Arvo Pärts Glocken in Annum per Annum, kommen mächtig daher. Er nennt diese Zeit seine Tintinnabuli Periode: Ich arbeite mit einer, zwei Stimmen oder mit einem Dreiklang. Sie klingen glockengleich. Der Beginn dieser Periode und gleichzeitig sein wohl bedeutendstes Werk, ist der Cantus in Memoriam Benjamin Britten. Er ist in a-Moll für zehnstimmiges Streichorchester mit Glocke komponiert, die im Zentrum seiner Komposition steht und als Cantus firmus das Werk trägt. Ähnlich läuten die Glocken bei Maurice Ravel im Tal der Glocken, La Vallée de Cloches, hören wir sie in Debussys Klavier-Komposition die Versunkene Kathedrale und erleben in Puccinis Oper Tosca das morgendliche Rom mit den Glocken rund um die Engelsburg erwachen. J. S. Bach imitiert mit durchdachter Orchestrierung in Der Glocken bebendes Getön, aus der Trauerode BWV 198, das Schwingen und Läuten der Glocken.

Franz Liszt lässt die Glocken von Rom im Ave Maria erklingen und komponierte geradezu bewegend sein Requiem für Orgel mit Glocken-klängen. In geänderter Reihenfolge der Sätze, könnte eine es'-Glocke das bedrohlich klingende Dies irae begleiten und des'' das Erlösung verheißende Requiem aeternam ausläuten.

Läuten für Frieden, Freiheit und die Würde des Menschen. Die Hosanna, Münsters ULF in Freiburg/Breisgau. Foto: Kurt Kramer

Orgel und Glocke haben keinen Grund sich den Rang als Königin der Musikinstrumente streitig zu machen. Die Orgel füllt mit der Schönheit und Macht ihrer Klänge den Raum unserer Kirchen. Die Glocke überwindet auf ihrem Weg zu den Menschen als klangvolle Stimme von Oben Raum und Zeit. Glocken und Orgel betreuen als Königinnen der Musikinstrumente ganz unterschiedliche Hoheitsgebiete, mit wenigen, umso bedeutenderen Wegkreuzungen. Gemeinsam sind sie, wie kein anderes Duo, in der Lage, eindringliche Klangfarben und Farbklänge hervorzuzaubern. Es lohnt sich, auf die Suche zu begeben und weitere verborgene Schätze zu heben. 

Auch in unseren Tagen gibt es reichlich Anlässe und die dazu passenden liturgischen Tonfolgen, mit denen eine Glocke oder ein Geläut, die Orgel, weiteren Musikinstrumenten, dem Chor, der Schola oder dem Gemeindegesang den Ton vorgeben und begleiten kann. 

Es ist doch bemerkenswert, dass den meisten Geläute-Motiven Namen und Bedeutung aus dem Bereich der liturgischen Gesänge und Lieder mit auf die Glockentürme gegeben wurden. Warum sollten diese Geläute-Motive die Gemeinden zu besonderen Anlässen nicht zum Gesang begleiten, warum die Orgel diese Motive bspw. beim Messbeginn nicht aufgreifen oder gemeinsam mit den Glocken den Gemeinde-gesang untermalen.

Ausläuten

Wandlung des Brotes. Detail aus dem Stundenbuch des Duc de Berry, Les très belles heures de Notre-Dame, Anfang 15. Jh. Bibliothèque Nationale de France, Paris: lat. 3093, f.173.

Zugegeben, den direkten Zugang vom Gottes-dienstraum zu den Glocken gibt es so nicht mehr. Das Glockenseil häng nicht mehr beim Organisten oder beim Glöckner in der Kirche. Aber bei zahlreichen Kirchen sind Voraussetzun-gen gegeben, Glocken und Orgel oder Glocken, Gesang und Musikinstrumente in Einklang zu bringen. Live ist natürlich immer die beste Variante. Aber auch Alternativen sind denkbar.

Für künstlerisch und technisch hochwertige Toneinspielungen bei Live-Konzerten, Theater u.v.m., werden seit einigen Jahren attraktive Musik-Preise verliehen. Es spricht sicher nichts dagegen, sich von solch kreativen und prakti-zierbaren Lösungen dort inspirieren zu lassen, wo es live aus akustischen oder technischen Gründen nicht anders geht.

Vor allem zur Zeit der Mittags- oder Abendglocke gibt es in zahlreichen Kirchen und Domen kleine Orgelkonzerte. Was liegt näher, als das Konzert mit dieser Glocke gemeinsam mit der Orgel zu eröffnen? Musik ist vertieftes Gebet. Warum nicht ein Kirchenkonzert einläuten und die Orgel übernimmt fliesend diese Klänge. Es muss doch eine besondere Bewandtnis mit einem Musik-instrument haben, das über fünf Jahrtausende in der Lage war und es heute noch ist, dem Lebens-gefühl in wesentlichen Situationen unseres Daseins Ausdruck und Tiefe zu verleihen. Was kann die Musik von einem Musikinstrument mehr erwarten.

Musikrezensentin Christine Gehringer  schrieb im Musik-Magazin PAMINA – Klassik im Südwesten, nach einem Konzert für Orgel und Glocken in Karlsruhe, bei dem die Glocken meist live, teils elektronisch eingespielt wurden: Das Konzert dürfte wohl eine der interessantesten Aufführungen dieses Orgelsommers gewesen sein - wenn nicht gar die interessanteste der vergangenen Jahre.



Musik im Geiste der Schöpfung


Tonbeispiele zu diesem Beitrag auf CD:


Une notation millénaire décryptée. Arles 1976 / 1978. Harmonia Mundi France, HMA 195989 / HM 31; mit 14 Tonbeispielen für Psalmen und Glöckchen.


Christian-Markus Raiser, Orgel / Kurt Kramer, Glocken, Faszinierende Klangwelten – Orgel & Glocken. [Booklet und CD.] Viersen 2013 (Motette-CD 13921); mit 12 Tonaufnahmen, die zuvor im Livekonzert zu hören waren.


Kurt Kramer, Klänge der Unendlichkeit. Eine Reise durch die Kulturgeschichte der Glocke. Kevelaer 2015. Beschreibung der Tonaufnahmen: 332f. CD mit 70 Glocken- und Glocken-Musik-Beispielen ist dem Buch beigefügt.

Erstveröffentlichung: Singende Kirche, Zeitschrift für katholische Kirchenmusik in Österreich, Wien, 4, 2022, 69. Jahrgang, S. 244 - 251.

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Fußnoten zu den Texten, Benutzte Literatur, Bildnachweis und weitere Bildunterschriften in:

Kurt Kramer, Klänge der Unendlichkeit, Kevelaer 2015 und VENI CREATOR SPIRITUS - Musik im Geiste der Schöpfung - Die Glocke in der Musik, in: Zeitschrift Singende Kirche, 4, 2022, 69. Jahrgang, https://www.kirchenmusikkommission.at/pages/kirchenmusik/publikationen/article/139833.html
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